Von Familie, Heimat und Verlust

Die Bremer Autorin Gianna Lange über ihren Debütroman „Und dann springen wir“ – darin geht es um Trauer, Liebe und die Suche nach der eigenen Identität.

Von Daniela Krause

Der Begriff „Familie“ ist dehnbar, „Heimat“ auch – das ist einer der zentralen Gedanken im Debütroman von Gianna Lange. Die Bremer Autorin erzählt von Rosa, einer jungen Frau, die ihre Mutter Elise verliert, vor ihrer Trauer davonläuft und ihr zugleich entgegengeht, indem sie sich auf eine Reise nach Mostar in Bosnien und Herzegowina begibt.

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Frau Lange, es gibt ein Foto von Ihnen als Kind, auf dem Sie vor einer Schreibmaschine sitzen. Heute sind Sie Buchautorin. Hat sich für Sie ein Kindheitstraum erfüllt?

Gianna Lange: Auf jeden Fall! Ich habe als Kind davon geträumt, Cornelia Funke zu werden, weil sie mein ganz großes Idol war. Ich habe alle Bücher von ihr verschlungen, seit ich lesen konnte. Als ich ein bisschen älter wurde, merkte ich: „Ok, der Job, den sie macht, nennt sich Autorin. Das will ich auch werden.“ Am Anfang schrieb ich handlungsarme und unvollendete Geschichten, die aber so ein bisschen im Stil von Cornelia Funke waren, nur halt schlechter. Ich habe sie nicht mehr, was ich manchmal schade finde, manchmal auch ganz gut. Stilistisch habe ich mich mittlerweile von Cornelia Funke entfernt. Die Geschichten, die ich schreibe, sind ganz anders. Aber das ist auch gut, weil die anderen gibt es ja schon. Die braucht es nicht noch mal.

Im Jahr 2015 haben Sie das Autorenstipendium erhalten, für das Sie die ersten zehn Seiten Ihres Romans einreichen mussten. Erst zehn Jahre später erschien Ihr Buch. Warum dieser lange Weg?

Den Anfang des Romans hatte ich zu diesem Zeitpunkt schon geschrieben. Damals hatte mir meine Kommilitonin und Freundin Katharina Mevissen, die ebenfalls Autorin ist, Bescheid gesagt, dass es ein Stipendium gibt. Ich schickte die zehn Seiten ein und rechnete eigentlich mit einer Absage. Doch dann kam die Zusage! Das war für mich ganz viel Motivation, auch, weil es von außen kam. Danach habe ich weitergeschrieben, in der Zeit aber ja auch noch studiert und gearbeitet.

Phasenweise hatte ich richtig stabile Schreibblockaden. Einfach weiterschreiben hat dann nichts gebracht. Das war nicht mein Weg. Fünf Jahre nach dem Stipendium war das Buch fertig und ich mit meinem Studium durch. Dann ging die Verlagssuche los. Die hat weitere fünf Jahre gedauert. Ich habe sowohl Agenturen als auch Verlage angeschrieben. Von manchen habe ich zunächst eine positive Rückmeldung bekommen, aber es hat im nächsten Schritt nicht gereicht. Manche haben sich gar nicht gemeldet. Ich fand einen festen Job und dachte, vielleicht lasse ich es ganz sein. Dann habe ich die Autorin Antonia Bontscheva kennengelernt, die auch bei der Frankfurter Verlagsanstalt ist. Sie hat mir Mut gemacht, es dort zu versuchen. Ich habe das Manuskript hingeschickt – und es hat geklappt! So sind dann zehn Jahre ins Land gegangen, aber der lange Atem hat sich gelohnt.

Auf einem Terrassentisch steht ein Buch, daneben eine Porzellanschale mit Mandarinen und eine Mandarine im Vordergrund.

Das Buch beschäftigt sich mit der Frage, was Familie eigentlich bedeutet. Foto: Daniela Krause

Sie haben Journalistik und Transnationale Literaturwissenschaft studiert. Was hilft Ihnen heute beim literarischen Schreiben?

Journalistik nicht so sehr, auch wenn mir das Studium viel Spaß gemacht hat. Am Ende wusste ich, dass ich keine Journalistin werden möchte. Eine Dozentin von mir, die ich sehr mochte, hat damals zu einer Reportage von mir gesagt, sie sei „insgesamt ein bisschen zu schriftstellerisch“. Nach außen hin habe ich gesagt: „Ok, da muss ich dran arbeiten.“ Innerlich war das für mich ein großes Lob, wenn auch nicht im journalistischen Bereich.

Im Masterstudium haben mir die Menschen, die ich dort getroffen habe, sehr geholfen. Wir waren vier Frauen und ein Mann und haben ein kleines Lyrikkollektiv gegründet: „gabrieleschreibtgedichte“, benannt nach der Schreibmaschine „Gabriele 10“, die zwei von uns hatten. Wir haben uns über das Schreiben und unsere Texte ausgetauscht. Das hat uns allen so gutgetan, weil das Schreiben sonst eher im stillen Kämmerlein stattfindet. Wir wollten unsere Texte in die Welt tragen. Also hatten wir ein paar Lesungen, wurden sogar zur Globale eingeladen und waren gemeinsam in Berlin. Das Kollektiv liegt heute auf Eis, aber wir sind immer noch befreundet und nennen uns gegenseitig immer noch die „Gabrielen“.

Sie arbeiten im Konzerthaus „Die Glocke“ und beim Musikfest Bremen. Hat Musik einen Einfluss auf Ihren Schreibrhythmus oder Ihre Sprache?

Ja, auf jeden Fall. Auf die Sprache nicht, aber ganz doll auf die Stimmung, in der ich schreibe beziehungsweise die Stimmung, in der ich sein muss, um zu schreiben. Für das Buch, das es schon gibt, habe ich eine Playlist. Und auch für meine aktuellen Projekte habe ich jeweils eine, die immer weiter wächst. Die Musik hilft mir, in die jeweilige Stimmung zu kommen, die ich brauche, um zum Beispiel eine melancholische Szene zu schreiben. Sie hilft auch in Blockadezeiten beim Geschichten schreiben im Kopf. Vor dem Schreiben passiert bei mir nämlich ganz viel im Kopf. Und wenn es im Kopf Gestalt angenommen hat, dann kommt es aufs Papier.

In Ihrem Roman spielt Familie in verschiedenen Konstellationen eine große Rolle. Wie definieren Sie Familie?

Meine Definition von Familie steckt schon ziemlich in diesem Roman: Familie ist dehnbar, und es kann auch kompliziert sein, insbesondere wenn man Familie allgemein im Sinne der Blutsverwandtschaft betrachtet. Familie kann man sich nicht aussuchen – das Sprichwort stimmt.

Mein anderer Begriff von Familie ist die ausgewählte Familie, also die Menschen, die im Laufe des Lebens dazukommen, die einem so ans Herz wachsen und so wichtig sind, dass sie eben auch Familie sind.

Diese kann man sich aussuchen. Auch das kann kompliziert sein, aber das gehört für mich irgendwie zum Familienbegriff dazu, dass es auch mal kompliziert ist, aber nichts ist, was sich so leicht lösen lässt.

Porträtfoto einer lächelnden jungen Frau mit beigem Strickpulli, Brille und zurückgebundenen Haaren.

Gianna Lange hat 2025 ihren Debütroman „Und dann springen wir“ veröffentlicht. Foto: Daniela Krause

In einem Interview haben Sie gesagt, dass das Buch nicht autofiktional ist. Wie viel von Ihnen steckt dennoch in der Hauptfigur Rosa?

Wahrscheinlich steckt ein bisschen mehr von mir drin, als ich selber weiß. Ich würde sagen, der Drang vor dieser schrecklichen Trauer wegzulaufen, den hat Rosa von mir, also den Wunsch, den sie verspürt, in dieser Situation einfach abzuhauen. Außerdem macht sie sehr viel mit sich selbst aus. Das kenne ich von mir auch, dass ich diesen Anspruch an mich habe. Auch wenn mir eine Freundin mal sehr direkt und liebevoll gesagt hat: „Der Mensch ist ja ein soziales Wesen“, dass ich also damit nicht alleine bin. Auch in Leid und schweren Zeiten sind Freunde und Familie da und tragen das mit. Und die Rolle der Freundin, die sagt: „Warum musst du das alleine machen?“, habe ich Rosa gegenüber so ein bisschen übernommen.

Das Buch bringt verschiedene Saiten zum Klingen: Wir haben den Verlust der Mutter, die Sucht, den Umgang mit Trauer, die Suche nach Identität und das Wagnis des Neuanfangs. Welche dieser Aspekte waren Ihnen besonders wichtig?

Mir war ganz wichtig, dass das Ende ein wenig leichter und heller ist als der Anfang. Die Themen haben sich bei mir mit der Geschichte entwickelt – zum Beispiel Heimat. Dabei geht es nicht unbedingt um den Heimatbegriff an sich, also darum, eine Heimat zu finden, sondern darum, dass es ein ähnlich dehnbarer Begriff ist wie Familie. Beides kann sich auch etwas überlappen: Eine Heimat kann da sein, wo die Familie ist, aber sie kann auch ein ganz anderer Ort sein oder erst noch gefunden werden, wie im Fall von Emma, die junge Frau, der Rosa begegnet. Es war mir nicht so wichtig, die Begriffe am Ende geklärt zu haben, sondern sie zu öffnen.

Was mich mehr beschäftigt hat, war das Thema Verlust und die Frage, wie man ihn bewältigen kann. Er bleibt ja. Er geht nie ganz weg. Aber ich glaube, es wird mit der Zeit einfacher, damit umzugehen. Verlust ist etwas, was mich auch selbst sehr überwältigt. Und im Falle von Rosa ist es ein Weglaufen, gleichzeitig aber auch auf die Mutter Zulaufen. Sie läuft einen Weg ab, der ganz eng mit ihrer Mutter verbunden ist.

Warum musste Rosa auf Reisen gehen, um Antworten zu finden?

Ihr erster Impuls war, wegzulaufen. Sie hat es aber vorher zu Hause probiert, indem sie ihren Vater und dessen Familie besucht und gemerkt hat, dass sie dort nicht hineinpasst. Da kam ihr die Idee: „Wir fahren nochmal los.“ Das war für mich von Anfang an diese Mischung des eigentlich Unmöglichen, nämlich des Weglaufens vor dem Verlust und gleichzeitig des Festhaltens an Elise, die nicht mehr da ist. Das wollte ich verbinden durch die Reise, die Mutter und Tochter schon einmal zusammen gemacht haben.

Die berühmte Brücke von Mostar mit Badenden im Vordergrund.

Die berühmte Brücke von Mostar ist nicht immer so leer wie auf dieser Momentaufnahme. Foto: Mhare, Stari_Most22, Wikimedia Commons, CC BY-SA 2.5

Rosas Sehnsuchtsort ist Mostar, eine Stadt auf dem Balkan, die Sie auch selbst besucht haben. Wie war es dort?

Die Stadt hat mich beeindruckt und verzaubert. Vielleicht nicht ganz so sehr wie Elise im Buch, aber ähnlich. Es ist eine wunderschöne Stadt. Die Geschichte der Stadt sollte auch mit ins Buch. Es war für mich ein ganz schmaler Grat zwischen: Das kommt mit ins Buch und erhält auch so ein bisschen das nötige Gewicht. Aber es kippt nicht rüber in: Ich als Westdeutsche schreibe jetzt schlaue Dinge über den Balkankrieg. Es gibt Spuren in der Stadt, zum Beispiel Krater auf der Straße, wo man sieht, da ist etwas eingeschlagen. Das wollte ich nicht ignorieren.

Wie hat es sich angefühlt, als Sie in Mostar auf der berühmten Brücke standen, die ein Schlüsselort im Buch ist?

Ich fand das ganz beeindruckend. Erstmal ist es wahnsinnig voll auf dieser Brücke, weil es ein Touristenort ist und weil meist junge Männer zur Show da runterspringen. Als ich da oben stand, dachte ich: Auf gar keinen Fall würde ich springen! Im Buch steht, dass die Brücke so wirke, als wäre sie dem Himmel näher als der Erde. Dieses Gefühl hatte ich, so dass ich fast ein bisschen enttäuscht war, als ich gegoogelt habe, wie hoch die Brücke ist. Das sind nämlich nur rund 20 Meter. Gefährlich ist es dennoch, denn der Fluss ist nicht überall sehr tief und der ist wahnsinnig kalt. Mindestens eine Person pro Saison überschätzt sich und kommt beim Springen ums Leben.

Antonia Bontscheva hat über Ihren Roman gesagt: „Ganz nebenbei hat sie das Herz des Balkans erspürt und es ins Deutsche übertragen.“ Was bedeutet Ihnen dieses Lob einer Frau, die im Balkan geboren ist?

Es ehrt mich wahnsinnig doll, und ich war sehr gerührt davon. Gleichzeitig würde ich niemals selber behaupten, dass mir das gelungen ist. Ich hatte nicht den Anspruch. Aber sie hat es so empfunden – und das ist ein Riesenlob! Es hat mich sprachlos gemacht, als ich das gelesen habe.

Über Gianna Lange

Gianna Lange ist 1988 in Bremen geboren. Sie studierte Journalistik und Transnationale Literaturwissenschaft in Bremen und London. Sie ist Gründungsmitglied des Lyrikkollektivs „gabrieleschreibtgedichte“ sowie des Kollektivs für junge Literatur „Kollit“ und Redaktionsmitglied der Literaturzeitschrift „Koller“. Aktuell schreibt sie an einem neuen Roman. Gianna Langes persönlicher Sehnsuchtsort ist Wales in Großbritannien. Ihr Debütroman „Und dann springen wir“ ist in der Frankfurter Verlagsanstalt erschienen, ISBN 978-3-627-00327-2 und kostet 22 Euro.

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