Den Kindern beim Wachsen zusehen
Windeln wechseln, toben, trösten. Iven Lehner ist seit fünf Jahren Tagesvater in der „Krabbelkiste“ – ein Interview.
Von Daniela Krause
Iven Lehner ist durch Zufall Tagesvater geworden. Dadurch, dass er selber Fußball gespielt hat und immer noch spielt, ist er in Projekten früh mit Kindern und Jugendlichen in Berührung gekommen. Er absolvierte eine Ausbildung zum Sportfachmann, war Trainer und Jugendleiter im Fußballverein und zwei Jahre an einer Schule tätig. Dadurch ist der Wunsch, mit Kindern zu arbeiten, gewachsen.
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Herr Lehner, wie sieht Ihr typischer Tag als Tagesvater aus?
Iven Lehner: Die Kinder werden spätestens zwischen 8 und 8.30 Uhr gebracht. Wir fangen mit dem Morgenkreis an, gucken wer da ist und zählen einmal durch. Nach dem Morgenkreis frühstücken wir zusammen. Dann geht es, je nach Wetterlage, entweder nach draußen, oder wir spielen im Spiel- oder Toberaum. Wir machen Freispiel oder ich baue etwas auf, leite an und fördere sie natürlich auch ein bisschen.
Wie alt sind die Kinder, die Sie in der „Krabbelkiste“ betreuen?
In der Regel sind die fünf Kinder, die ich betreue, ein bis drei Jahre alt. Das Jüngste bisher war elf Monate alt. Ab drei Jahren gehen sie meist in den Kindergarten. Es gibt aber auch die Möglichkeit, dass sie noch etwas länger hier bleiben, wenn ihnen die kleinere Gruppe besser gefällt und sie mit größeren Gruppen am Anfang Schwierigkeiten haben.

Wann immer das Wetter es zulässt, spielen die Kinder draußen. Foto: pixabay/montemari
Wie sind Sie Tagesvater geworden?
Ich habe von einem Kindertagespflege-Kurs an der VHS in Bassum in der Zeitung gelesen und mich dafür entschieden. Da war ich um die 30 Jahre alt, als ich den Kurs angefangen habe. Ich dachte mir: Wenn nicht jetzt, dann machst du das wahrscheinlich gar nicht mehr. Und das war die richtige Entscheidung.
Wie viele Frauen waren mit Ihnen im Kurs?
Es müssen um die 13 Frauen gewesen sein, und neben mir war noch ein weiterer Mann dabei.
War der Kurs die einzige Hürde, um Tagesvater zu werden? Wie sah der Weg aus?
Man hatte ein Gespräch mit jemandem von der Gemeinde Weyhe, damit man sich kennenlernt und eine Einschätzung hat, wie sich beide Seiten das vorstellen. Man musste ein erweitertes Führungszeugnis vorweisen und die Qualifikation absolvieren und bestehen. Erst hatte ich überlegt, die Kindertagespflege zu Hause anzubieten. Da ist dann der erste Schritt, dass sie zu einem nach Hause kommen und schauen, ob alles soweit gewährleistet ist, dass man es zu Hause machen darf. Ich wusste ja nicht, wie es angenommen wird und wie ich starten kann. Zufälligerweise waren dann aber Am Weidufer in Weyhe passende Räume frei. Die hat man mir dann angeboten.

Die Motorikwand aus Holz ist nicht nur bei den Kindern sehr beliebt. Foto: Daniela Krause
Wie ist die Nachfrage?
An sich konnte ich mich bisher nicht beschweren. Ich hatte immer mal Anfragen – mal mehr, mal weniger. Durch meine Webseite, meine Präsenz bei Instagram und Facebook und dadurch, dass meine Frau das Angebot ab und zu auch mal postet, habe ich eine höhere Reichweite, und es kommen mehr Anfragen rein. An sich sind die Plätze eigentlich immer gut belegt, außer im vergangenen Jahr. Das war ein eher geburtenschwaches Jahr, und es hat ein bisschen gedauert, bis die fünf Plätze belegt waren.
Was verdient man als Tagesvater?
Das richtet sich nach den Stunden, die das Kind betreut wird. Es steigert sich von Jahr zu Jahr, je länger man dabei ist. Aktuell liegt mein Satz bei 6,28 Euro pro Kind und Stunde.
Reicht das für Sie aus oder haben Sie noch einen anderen Job?
Tatsächlich ist das mein Vollzeitjob und reicht vollständig aus. Da kommt eine gute Summe bei herum. Man hat durch die Selbstständigkeit natürlich auch einige Abgaben, aber wird auch etwas durch die Gemeinde unterstützt, zum Beispiel wird von den Beiträgen für die Krankenkasse und Rentenkasse die Hälfte übernommen.

Die Räume in der „Krabbelkiste“ bieten den Kindern viele Möglichkeiten zum Spielen und Entdecken. Foto: Daniela Krause
Welche Ihrer Eigenschaften helfen Ihnen in Ihrem Job?
Ich bin sehr geduldig und habe eine sehr große Toleranzgrenze (lacht). Die Kinder, die hierher kommen, bauen schnell eine gute Bindung zu mir auf.
Was ist Ihnen bei Ihrer Erziehungsarbeit besonders wichtig, und welche Förderschwerpunkte setzen Sie?
Ich versuche natürlich auch ein bisschen Struktur zu vermitteln, deswegen gibt es einen relativ festen Tagesablauf. Freispiel ist aber genauso wichtig, weil ich möchte, dass die Kinder miteinander spielen und auch mal selber etwas gegen Langeweile entwickeln. Also sprich, ich kann auch Beobachtungen machen. Aber ich setze mich auch mit den Kindern zusammen hin und wir bauen gemeinsam etwas. Im Moment sind die Duplosteine sehr beliebt, aber auch unsere Motorikwand. Ich arbeite gerne mit Formen und Farben und achte darauf, dass die motorischen Fähigkeiten allgemein gefördert werden.
Warum ist es wertvoll, auch Tagesväter zu haben und nicht nur Tagesmütter?
Ich denke – und das haben mir Eltern bestätigt – dass viele es gut finden, wenn auch eine männliche Bezugsperson für das Kind da ist, die nochmal einen anderen Blick hat als eine Tagesmutter. Das merke ich auch bei meiner Kleinen, die im Kindergarten ist. Da gibt es mehrere männliche Fachkräfte, und die werden sehr gut angenommen. Ich tobe auch gerne mal mit den Kindern, das macht vielleicht der männliche Part mehr als der weibliche Part. Toben finden die Kinder ganz toll. Ich selber bin dann manchmal auch wieder ein bisschen Kind.

Der kleine Eisladen ist eines der meistgenutzten Spielzeuge. Foto: Daniela Krause
Was erfüllt sie besonders am Tagesvaterdasein?
Es freut mich, wenn ich den Kindern beim Wachsen zusehen kann. Man sieht, wie sich die Kleinen oft an den Größeren orientieren und dadurch zum Beispiel schneller laufen oder sprechen lernen. Die Größeren wiederum sind sehr vorsichtig im Umgang mit den Kleinsten, wollen helfen, die Trinkflasche geben, streicheln ihnen mal über den Kopf, wenn sie sich wehgetan haben und sind sehr zuvorkommend. Dieses Miteinander ist schön zu beobachten.
Und was nervt Sie am meisten?
So große Punkte gibt es da eigentlich nicht. Ab und zu ist es mal die Kommunikation mit den Eltern. Das klappt aber meist wunderbar. Es sind Einzelfälle.
Wie machen Sie das, wenn Sie mal auf Toilette müssen?
Ich halte es dann aus. Oder ich nutze die Situation, wenn ich die Kinder gerade zum Frühstück hingesetzt habe, um ganz kurz zu verschwinden, oder wenn mittags alle schlafen.

Rutschen, klettern, wippen – in der Großtagespflegestelle bleiben die Kleinsten in Bewegung. Foto: Daniela Krause
Was passiert, wenn Sie krank werden?
Für den Fall gibt es eine Vertretung. Die kommt einmal die Woche vorbei, damit die Kinder wissen, wer das ist und sie schon eine Bindung aufbauen und nicht total erschrocken sind, wenn hier auf einmal jemand anderes ist.
Was ist die schwerste Aufgabe in Ihrem Job?
Ich glaube die schwierigste Aufgabe ist es, diesen Spagat zu schaffen, allen Kindern gleich gerecht zu werden und die Aufmerksamkeit zu verteilen. Aber das ist das Gute an einer kleinen Gruppe, dass dies besser gelingt als bei einer Gruppe von 25 Kindern mit zwei oder drei Erziehern.
Haben Sie sich von Anfang an in Ihrer Tätigkeit als Tagesvater ernst genommen gefühlt oder wurden Sie mit Vorurteilen konfrontiert?
Als ich erzählt habe, dass ich das machen möchte, gab es welche, die gefragt haben: „Willst du das wirklich machen? Bist du sicher, dass das gut angenommen wird?“ Aber ich habe mir nicht die größten Gedanken gemacht, dass das für mich negativ ausgelegt werden könnte und bin ganz neutral an die Sache herangegangen. Und tatsächlich hatte ich von Anfang an nur positives Feedback.

Kleinkinder erforschen ihre Umwelt mit allen Sinnen. Foto: Daniela Krause
Was unterscheidet Ihr Angebot von dem anderer Kindertagespflegepersonen?
Ich denke schon, dass es einzigartig ist, da ich aktuell der einzige Tagesvater in Weyhe bin. Der männliche Part wird von den Eltern immer mal wieder ein bisschen vermisst.
Wie ist das für Sie, wenn Sie irgendwann Abschied nehmen müssen von den Kindern, weil sie größer werden?
Natürlich fällt mir das dann auch immer mal schwer. Man baut ja eine Bindung auf, lacht zusammen, macht Quatsch. Und wenn das dann von einem Tag auf den anderen wegfällt, auch wenn man sich drauf vorbereitet, ist es nicht immer ganz einfach. Das ist schon mitunter emotional.
Was war bisher die lustigste Begebenheit mit den Kindern?
Ich bin manchmal selber ein bisschen tollpatschig. Und als ich mich mal gestoßen habe, habe ich aus Spaß gesagt: „Oh! Arbeitsunfall!“ Das haben alle aufgeschnappt. Und jedes Mal, wenn sich einer wehgetan hat, haben alle gerufen: „Oh! Arbeitsunfall!“ Es gibt viele schöne Momente, zum Beispiel beim Essen, wenn plötzlich der Kartoffelbrei in der Nase hängt oder der Spinat über dem Auge. Gerade habe ich ein Kind, das schnarcht wie ein Bär. Erst dachte ich: Wie sollen die anderen Kinder schlafen? Aber die haben sich schnell daran gewöhnt.
Was möchten Sie Männern mitgeben, die überlegen, Tagesvater zu werden?
Ich kann diesen Job empfehlen, wenn man Spaß daran hat, Kinder zu fördern und sie aufwachsen zu sehen. Das ist eine schöne Sache. Vor allem auch, wenn man gut von den Kindern angenommen wird und immer wieder die vielen kleinen Erfolge sieht.
Über Iven Lehner
Iven Lehner arbeitet seit 2021 als Tagesvater in seiner Großtagespflegestelle „Krabbelkiste“, Am Weidufer 34 in Weyhe-Leeste. Die Betreuungszeiten sind montags bis donnerstags von 7 bis 15 Uhr und freitags von 7 bis 14.30 Uhr. Iven Lehner lebt in Weyhe-Lahausen, ist 36 Jahre alt, verheiratet und hat zwei Kinder, eine fünfjährige Tochter und einen zweijährigen Sohn.
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