Einsteigen und schnacken
In vielen Städten und Gemeinden Niedersachsens sind Bürgerbusse unterwegs. Sie schließen Lücken im Nahverkehr und sind so etwas wie eine Nachrichtenbörse.
Von Ulf Buschmann
Francine macht einen sehr glücklichen Eindruck. Ihren Nachnamen möchte die vierfache Mutter nicht nennen. Aber sie erzählt gerne, dass sich der Alltag ihrer Familie grundlegend verändert hat. Bis August vergangenen Jahres sei es schwer gewesen, von Altenmarhorst ins Twistringer Zentrum zu kommen. Dies ist jetzt anders, denn Francine kann montags bis freitags den Twistringer Bürgerbus benutzen. Dank der regelmäßigen Fahrten habe sie sogar eine Arbeit gefunden, strahlt Francine. An diesem Morgen steigt sie an der Haltestelle „Lehmkuhl“ im Ortsteil Altenmarhorst zu. An der Station „Grundschule Am Markt“ im Twistringer Zentrum ist die Fahrt an diesem Tag vorbei.
„Sie ist eine unserer Stammkunden“, sagt Wilfried Theissen schmunzelnd. Er gehört zu den rund 40 ehrenamtlichen Twistringer Bürgerbusfahrern, die montags bis freitags in der Zeit von 7.47 Uhr bis 18.19 Uhr im Einsatz sind. Seit August vergangenen Jahres haben jetzt auch Ortsteile Anschluss an den öffentlichen Nahverkehr, die bislang hinten heruntergefallen sind. Dies geschieht auf zwei Linien, deren Start und Ziel jeweils immer der Bahnhof ist. Auf den Linien 155 und 156 kommen jetzt auch abgelegene Ortsteile der Stadt im Landkreis Diepholz in den Genuss des öffentlichen Nahverkehrs.

Der Bürgerbus Twistringen vor dem Bahnhof der Stadt. Foto: Buschmann
Twistringen: Seit einem halben Jahr dabei
Die Twistringer sind mit ihrem Bürgerbus erst seit einem halben Jahr im Geschäft. Andere Gemeinden wie das benachbarte Bassum oder die Stadt Achim sind viel länger dabei. Laut des Dachverbandes Pro BürgerBus Niedersachsen gibt es aktuell mehr als 50 Angebote im Land. Das Prinzip ist fast überall das gleiche: Ein Verkehrsunternehmen hat die Linien inne. Diese wiederum werden an die örtlichen Trägervereine vergeben. „Wir sind so etwas wie ein Subunternehmen“, erklärt Rald Varnhagen, Sprecher des Twistringer Bürgerbus-Vereins.
Er und seine Mitstreiter haben schnell die Erfahrung gemacht, dass es nicht nur um das Schließen von Nahverkehrslücken geht. Jede Tour auf den Linien ist ein rollendes soziales Netzwerk funktioniert: Unter den Fahrgästen werden die neuesten Nachrichten, Klatsch und Tratsch ausgetauscht: Wer ist gestorben? Wer heiratet demnächst? Schließt oder eröffnet irgendwo ein neues Geschäft?

Fahrer Wilhelm Theissen hat schon einiges erlebt. Foto: Buschmann
Kontakt mit Menschen
Nicht nur die Twistringer haben diese Erfahrung gemacht. Der Achimer Bürgerbus-Verein beziehungsweise dessen Ehrenamtliche stimmen in diesen Kanon mit ein. „Man erfährt einiges“, sagt Fahrer Detlef Perßon während einer seiner Touren durch die größte Stadt des Landkreises Verden. Er steuert den Bürgerbus gerade durch eine der engen Kurven. Als diese Kurve geschafft sind, fährt er fort: „Der Kontakt zu den Menschen ist das Großartige an dieser Tätigkeit.“ Für die Fahrgäste ist der Bürgerbus nicht nur ein bequemes zusätzliches Angebot, sondern eine Notwendigkeit – in Achim vor allem für die Älteren, die kein Auto besitzen. Die Twistringer Kollegen freuen sich über den bunten Mix an Fahrgästen: Senioren, Kinder und Jugendliche und Berufstätige seien gleichermaßen vertreten.
Noch ein Charakteristikum gibt es für jedes Bürgerbus-Angebot: Besucher und Einheimische lernen ihre jeweiligen Ort ganz neu kennen – sie bekommen ungewöhnliche Einblicke. „Die Leute schauen sich die Baustellen an. Das ist Gesprächsthema im Bus“, erzählt Fahrer Perßon über seine Erlebnisse in Achim beeindruckt und belustigt zugleich. Zum Thema rollendes soziales Netzwerk hat der Twistringer Theissen seine eigene Geschichte: „Ich hatte mal eine Dame im Bus, die meine Eltern noch kannte.“ Kurze Zeit später habe er in seinem Briefkasten ein altes Foto von Mama und Papa gehabt.

Detlef Perßon gehört zu den Fahrern des Achimer Bürgerbusses. Foto: Buschmann


Ollliku/CC BY-SA 3.0 de