Die Tücke mit der Rettungsinsel

Wer im Offshorebereich wie auf Windkraftanlagen arbeitet, muss alle zwei Jahre ein Überlebenstraining für den Ernstfall auf See absolvieren. Zum Beispiel im Maritimen Trainingszentrum Wesermarsch in Elsfleth. Unsere Reporter waren dabei: am Beckenrand und mittendrin.

Von Daniela Krause und Ulf Buschmann

Ulf Buschmann Wir sitzen hier im Schulungsraum des Maritimen Trainingszentrum Wesermarsch (MTZW) in Elsfleth. Acht Teilnehmer, eine Frau und sieben Männer, hören Teamer Benjamin Awischus von der Heinemann Projektberatung zu. Auch ich mache mir meine Notizen. Wer weiß, wozu ich die noch brauche. An diesem Morgen geht es um die Theorie in Sachen Überlebenstraining auf See nach den Richtlinien der Global Wind Organisation (GWO). International wird es Sea Survival genannt. Die eine Frau und die sieben Männer, die mit mir und meiner Kollegin Daniela Krause die Schulungsbank drücken, arbeiten in der Offshorebranche: Bei Wind und Wetter auf und an Windkraftanlagen zu arbeiten, ist für sie zwar ein Knochenjob, aber eben auch Alltag.

Vormittags Theorie, zum Beispiel über den Umgang mit einer Rettungsinsel und Maßnahmen bei Unterkühlung und Ertrinken, nachmittags praktische Unterweisung im Becken: Wie sich das anfühlt, wollen wir erproben. Dafür ziehe ich mir einen Überlebensanzug an und mache das Training mit. Was mich in etwa erwartet, weiß ich noch von meinem ersten Selbstversuch für ein anderes Magazin vor sieben Jahren: Wind, Welle, Blitz und Donner. Das alles ist zwar nur in der Schwimmhalle bei 23 Grad Wassertemperatur simuliert, aber anstrengend ist es allemal.

Männer in Überlebenanzügen mit Helmen auf dem Kopf treiben untergehakt im Wasser.

Unterhaken: Die Teilnehmer bilden nach dem Sprung ins Wasser zunächst eine Kette. Ulf schwimmt in der Mitte. Foto: Daniela Krause

Hinein ins Becken

Alle tragen einen Überlebensanzug, Schwimmweste und einen Helm. Wir, die Teilnehmer und ich, helfen uns gegenseitig beim Anlegen von Helm und Schwimmweste. Nachdem alles sitzt, gibt unser Teamer Benjamin Awischus kurz Anweisungen: Wir dürften entweder von der Seite, vom Kopf oder auch von dem Turm ins Becken springen, der für das spätere Winschmanöver genutzt wird. Ich entscheide mich für die Seite. Rechten Arm zwischen die Schwimmkörper der Weste drücken, linke Hand auf den Helm legen, dann mit gekreuzten Beinen ins Wasser springen. Ich tauche kurz unter, dann schwimme ich rücklings im Wasser.

Daniela Krause Ich muss zugeben: Ein bisschen Mitleid mit meinem Kollegen habe ich schon, wie er da wie ein aufgeblasener Luftballon etwas hilflos im Becken treibt. Gleichzeitig bin ich froh, dass ich nicht an seiner Stelle bin. Schnell versuche ich, zwischen Fotoapparat und Kamera hin und her zu wechseln, um diese Bilder für die Ewigkeit festzuhalten.

Männer treiben im Wasser plantschen. Sie tragen Überlebensanzüge und Helme.

Ordentlich mit den Beinen strampeln erleichtert den Rettern im Ernstfall die Suche sowie das Auffinden aus der Luft. Foto: Daniela Krause

Sobald sich alle an den Auftrieb durch den Überlebensanzug gewöhnt haben, üben sie Formationen im Wasser, darunter die sogenannte Help- und Huddle-Position. Beide ermöglichen es, über einen längeren Zeitraum im Meer auszuharren bis Rettung naht. Die Teilnehmer bilden einen engen Kreis. Auf Kommando legen sich alle auf den Rücken und strampeln kräftig mit den Beinen.

Das aufspritzende Wasser wäre aus der Luft durch einen Helikopterpiloten gut zu sehen. „Zusammenbleiben ist wichtig. Oft ist man auf Signale und Handzeichen angewiesen“, erklärt mir Trainingsleiter Sebastian Fleper, ebenfalls von der Projektberatung Heinemann. „Auf dem Meer herrschen andere Bedingungen: Wind und Wetter erschweren die Kommunikation.“

Kaum hat er es ausgesprochen, bricht die Hölle los – in Form von eineinhalb Meter hohen Wellen, Gewittersturm und teilweise völliger Dunkelheit. Wie soll man da die Orientierung behalten? „Indem man nicht loslässt“, antwortet Sebastian Fleper auf meine Frage und deutet auf die raupenförmige Formation, die rücklings auf die Rettungsinsel zupaddelt.

Ulf Buschmann Übung Nummer zwei ist die Raupe: Dabei umklammert jeder seinen Vordermenschen mit den Beinen. Einer übernimmt das Kommando: Dieser zeigt mit den Händen die Schwimmrichtung an. „Ihr achtet immer nur auf Euren Vordermann“, erklärt Benjamin Awischus. Logisch, Rufe gehen ja auf der Nordsee bei Sturm komplett unter. Ich erinnere mich an die erste Übung mit den Sportbootfahrern. Damals versagte ich bei der Raupe schon. Jetzt funktioniert es viel besser.

Nachdem wir eine Runde als Raupe durchs Becken geschwommen sind, kommt das in meinen Augen Schlimmste: das Besteigen der Rettungsinsel. Beim ersten Mal mussten mich zwei Leute von hinten hineinschieben, dieses Mal schaffe ich es alleine. Ich bin froh! Als alle in der Rettungsinsel sind, kommt unser Teamer dazu, um die Ausrüstung durchzugehen und zu erklären, was anschließend dran ist: aussteigen, und das natürlich bei Welle, Sturm, Nacht und Regen. Aber erst einmal müssen wir uns in der Rettungsinsel halten. Mit den Überlebensanzügen und mit Gummischuhen ist es ein echtes Kunststück. Ich purzele immer wieder zurück.

Daniela Krause Er hat es tatsächlich geschafft, aller anfänglichen Zweifel zum Trotz. Aber so hundertprozentig optimal haben die Teilnehmer die Raupe nicht absolviert. Sebastian Fleper erklärt: „Die Kette hätte nicht reißen dürfen. Vor allem hat die Gruppe kurzzeitig ihren Steuermann verloren.“ Hier im Becken ist es nicht wirklich schlimm, aber auf hoher See kann solch ein Fehler verheerende Folgen haben.

Ausstieg mit Hindernissen

Ulf Buschmann Die ersten vier Leute sind aus der Rettungsinsel ausgestiegen. Jetzt bin ich mit der einzigen Frau im Kurs, Astrid aus Schleswig-Holstein, dran. Ich setze mich wie geheißen mit dem Rücken zum Meer auf den Rand der Rettungsinsel – und rutsche prompt zurück ins Innere. Beim zweiten Versuch lande ich statt mit dem Rücken eher auf der Seite im Wasser und verheddere mich auch noch in einem der Taue. Das kann im wirklichen Seenotleben tödlich sein. Aber auch bei der Übung reicht es mir: Ich schlucke Wasser und muss husten.

Astrid und ich schwimmen zum Rand, denn dort müssen wir zum Abschluss der Übung eine Rettungsleiter hochklettern. Oben angekommen merke ich: Ich bin einfach nur fertig. Einer der Leiter macht mir Mut: „Komm, Du schaffst das!“ Ich lege die Schwimmweste und den Helm ab und öffne den Überlebensanzug, damit ich Luft bekomme.

Ulf Buschmann Eigentlich möchte ich jetzt aussteigen. Aber die anderen ermutigen mich zum Weitermachen. Okay, sage ich mir, eine Übung versuche ich noch. Vielleicht kann ich ja den inneren Schweinehund überwinden. Also winsche ich mich wie die anderen ins Boot ab. Dann heißt es „Person über Bord“ (P.O.B.). Wir müssen eine Puppe bergen. Ich halte den Kopf schön überstreckt, ein zweiter Mann im Boot nimmt die Füße. Nun muss ich – die ganze Zeit gesichert mit einer Leine – vom Boot wieder auf die Leiter steigen. Hier im Trainingsbecken haben wir gerade mal eineinhalb Meter Wellenhöhe. Die Menschen, die das bei vier oder acht Metern Welle machen müssen, verdienen meine Hochachtung.

Daniela Krause „Die Übungsszenarien, die wir hier durchspielen, sind schon sehr realistisch. Wir können fünf verschiedene Wellentypen simulieren, dazu kräftigen Wind und einen über dem Wasser fliegenden Helikopter“, erklärt mir Sebastian Fleper. Er leitet über zur nächsten Übung: Evakuierung. Die Teilnehmer müssen sich mit dem Rettungsgerät aus etwa fünf Metern Höhe zum Wasser hinabwinschen lassen. Dazu bläst die Windmaschine kräftig von oben und macht einen Höllenlärm: Es ist keine angenehme Angelegenheit, dort oben zu sein: Die Anstrengung steht den Teilnehmern ins Gesicht geschrieben. Ich bin sehr froh, dass ich hier im Trockenen stehen darf.

Ulf Buschmann Gut eine Stunde nach meinem selbst gewählten Abbruch möchte ich gerne wissen, wie es den anderen ergangen ist. Während ich jeden Knochen meines Körpers spüre und zum Umfallen müde bin, machen Christian Richardson aus Auerbach und Uwe Geilken aus Emden einen vergleichsweise fitten Eindruck. Beide sind sich einig, dass der Kurs nicht wirklich anstrengend gewesen sei. „Aber es ist eben auch keine Routine“, bemerkt Christian Richardson. Uwe Geilken ergänzt: „Dafür macht man es zu selten.“ Mir hat es heute gereicht, und ich merke: Mir fehlt der Sport!

Die meisten Einsätze für Menschen auf Plattformen

Beim Sea Survival Training, gemäß den internationalen Richtlinien der Global Wind Organisation (GWO), üben Menschen für den Notfall auf hoher See. Alle zwei Jahre müssen die Teilnehmer das Training wiederholen. Im Jahr 2020 bildete die Heinemann Projektberatung als zertifizierter Trainingsanbieter der GWO circa 420 Personen im Modul Sea Survival aus. Die Durchfallquote liegt im Schnitt bei acht Prozent.

Die Sea Survival Trainings gibt es bereits seit 2012, die international gültigen Standards wurden ein Jahr später durch die GWO festgelegt. Dabei knüpfte man an die bereits bestehenden Standards der Öl- und Gasindustrie (Bohrinseln) für den Offshore-Bereich an. Auf nationaler Ebene richten sich die Trainings nach den Vorgaben der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV).

Die Heinemann Projektberatung ist seit 2014 zertifizierter Trainingsprovider gemäß GWO und leitet pro Jahr rund 500 Kurse, wovon etwa 320 im Maritimen Trainingszentrum Wesermarsch in Elsfleth stattfinden. Neben den klassischen Sicherheitstrainings wie Sea Survival, Helicopter Underwater Escape Training (HUET) und Fire Awareness bietet das Unternehmen unter anderem technische Trainings in den Bereichen Elektrotechnik, Hydraulik und Mechanik an.

Männer in Überlebensanzügen sitzen in einem Boot und bergen eine Puppe.

P.O.B.: Die Teilnehmer müssen eine Puppe bergen – beziehungsweise eine Person. Foto: Daniela Krause

Nicht nur für die Offshore Branche sind die Sea Survival Trainings relevant: „Abgewandelte oder zugeschnittene Module gibt es zum Beispiel auch für Sportbootfahrer, Helikopterunternehmen, Flugpersonal, die Spezialeinheiten der Küstenfeuerwehren und für weiteres Personal, das sich auf oder über dem Wasser bewegt“, sagt Sebastian Fleper von der Heinemann Projektberatung.

Im Sea Survival Training werden realistische Notfallsituationen simuliert, um das richtige Verhalten für den Ernstfall zu üben. Dazu gehören unter anderem verschiedene Witterungsbedingungen (Wind und Welle), der Umgang mit nicht personengebundenen Rettungsmitteln, Überstiegstraining, Winschübungen, das Auslösen, Drehen und Besetzen einer Rettungsinsel, die Verwendung der Überlebensausrüstung, das Retten von Personen aus dem Wasser sowie die medizinische Erstversorgung von verunfallten und verletzten Personen.

Seit 2013 gibt es die Notfall-Leitstelle Offshore-Windparks (NOW). Sie wurde von der Gesellschaft für Maritimes Notfallmanagement (GMN), einer Tochtergesellschaft der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) eingerichtet und wird von den Betreibern der Offshore-Einrichtungen finanziert. Laut der DGzRS übernimmt die Notfall-Leitstelle derzeit für 21 von 27 Offshore-Windparks und für alle 14 Plattformen das Notfallmanagement.

Ein Mann im Überlebensanzug greift nach einem Tau, um aus einem Boot auszusteigen.

Letzter Teil des Selbstversuchs: Ulf Buschmann muss vom Boot aus wieder die Leiter im Hintergrund übersteigen. Foto: Daniela Krause

Im Jahr 2020 koordinierte die NOW, die räumlich zur Seenotleitung Bremen der DGzRS gehört, 128 Hilfeersuchen, von denen 63 Fälle medizinisch beraten wurden. In 39 dieser Einsätze (28 akute Erkrankungen, elf Unfälle) mussten Patienten ans Festland gebracht werden. Seit Einrichtung der NOW gab es 282 Transporte ans Festland von akut erkrankten oder verunfallten Menschen.

Die meisten Einsätze werden für Menschen auf Plattformen notwendig, gefolgt von Versorgern und Errichterschiffen, vergleichsweise wenig auf Schiffen und damit in originärer Zuständigkeit der DGzRS selbst“, berichtet Christian Stipeldey, Sprecher der DGzRS. Der Transport ans Festland geschehe in den meisten Fällen per Hubschrauber, welche die Windparkbetreiber dafür vorhalten, seltener durch DGzRS-Rettungseinheiten oder SAR-Hubschrauber. (dan)