Wenn Stolpersteine erzählen
Ein Spaziergang gegen das Vergessen: Der Audioguide zu den Stolpersteinen verbindet Erinnerungsorte mit Biografien und der Bremer NS-Vergangenheit.
Von Daniela Krause
Sie sind eingebettet in den Gehweg, manche glänzen bronzefarben wie frisch poliert, andere sind dunkel angelaufen. Die Rede ist von den kleinen quadratischen Stolpersteinen, die in Bremen vor einigen Gebäuden zu finden sind. Sechs Verlegungsorte – und damit die Geschichten von Opfern des Nationalsozialismus zwischen 1933 und 1945 – rückt der neue Audioguide „Ein Rundgang für das Erinnern“ mit insgesamt elf Stationen in den Mittelpunkt.
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Die fünf anderen Stationen sind zentrale Erinnerungsorte wie die Ostertorwache oder das Mahnmal für die Opfer der Novemberpogrome 1938. Entwickelt wurde der circa 3,5 Kilometer lange Hörspaziergang durch die Innenstadt und das Viertel von der Wirtschaftsförderung Bremen (WFB) in enger Zusammenarbeit mit der Landeszentrale für politische Bildung Bremen (LzpB) und dem Initiativkreis Stolpersteine Bremen. „Gerade in einer Zeit, in der immer weniger Zeitzeuginnen und Zeitzeugen berichten können, leistet das Projekt einen Beitrag zur Erinnerungskultur und fördert Empathie sowie historisches Bewusstsein“, informiert die WFB.

Mitten in der Sögestraße erinnern diese Stolpersteine an das Ehepaar Finkelstein. Foto: Daniela Krause
823 Stolpersteine in Bremen
Stolpersteine sind 96 mal 96 mal 100 Millimeter große Messingplatten, die zu einem Betonblock gegossen werden. Sie liegen meist vor dem Haus, in dem das Opfer gewohnt oder gearbeitet hat. Existiert das Gebäude nicht mehr, finden die Steine auf einer Freifläche Platz. Die jüngsten 21 Stolpersteine wurden im April 2026 verlegt – damit sind es derzeit 823, die der Bildhauer und Aktionskünstler Gunter Demnig allein für Bremen hergestellt hat. Das Kunstprojekt, das in Deutschland und im europäischen Ausland an die Opfer der NS-Gewaltherrschaft erinnert, gibt es seit 1995 – in Bremen seit 2004, realisiert durch den Bremer Verein Erinnern für die Zukunft und die LzpB.

Gunter Demnig ist der Erfinder der Stolpersteine. Foto: Stiftung – SPUREN – Gunter Demnig/stolpersteine.eu
Stolpern mit dem Kopf und dem Herzen
Wie Gunter Demnig für sein Projekt auf den Namen „Stolpersteine“ gekommen ist, vermag er heute nicht mehr zu sagen. Ihm habe die „Doppeldeutigkeit des Namens“ gefallen, heißt es auf seiner Webseite, auf der umfangreiches Unterrichtsmaterial zum Thema zu finden ist, aber auch alles, was man rund um die Verlegung wissen muss. Mittlerweile zitiert er gern einen Schüler, der auf die Frage eines Journalisten, ob man nicht über die Steine falle, antwortete: „Man fällt nicht über die Stolpersteine, du stolperst mit dem Kopf und dem Herzen.“

Während des Pogroms wurden in Bremen fünf jüdische Menschen ermordet. Foto: Daniela Krause
Größtes dezentrales Mahnmal der Welt
Jeder Stein ist ein Unikat. Jeder Buchstabe, jede Zahl wird per Hand, Schlagbuchstaben und Hammer in die Messingplatte eingearbeitet. Gunter Demnig ist überzeugt: „Ein Mensch ist erst vergessen, wenn der Name vergessen ist. Die meisten der Opfer haben weder Gräber noch Grabsteine, und jetzt ist wenigstens der Name wieder da.“ Bislang liegen nach Angaben seiner Stiftung insgesamt 116.000 Stolpersteine in über 1.860 Kommunen in 31 europäischen Ländern, die meisten davon in Deutschland. Alle zusammen ergeben das größte dezentrale Mahnmal der Welt. Doch nicht der Stein allein ist das Kunstwerk. Alles, was passiert, rund um die Vorbereitung, Entstehung und Verlegung eines Stolpersteins sowie die Auseinandersetzung mit der Geschichte der Person, gehört Demnig zufolge zum künstlerischen Prozess.

In der Kohlhökerstraße 6 befand sich Bremens letzte jüdische Schule. Foto. Daniela Krause
Einzelne Schicksale näher beleuchtet
Um die ausgewählten Bremer Stolpersteine und zentralen Erinnerungsorte mit dem kostenlosen Audioguide anzusteuern, braucht es ein Smartphone, Kopfhörer und etwa 1,5 Stunden Zeit. Über die App „Dein Bremen Guide“ oder über die bremen.de-Seite stehen die Audiodateien bereit, eine Karte weist den Weg. Wir widmen uns hier den Schicksalen von Else Weinberg und Ludwig Fürstenthal. Sie stehen beispielhaft für mehr als 1.500 Menschen, die in Bremen verfolgt, vertrieben, deportiert, ermordet oder in den Suizid getrieben wurden. Triggerwarnung: Sämtliche Geschichten gingen uns sehr nah, deshalb empfehlen wir empfindsamen Personen, den Spaziergang in Begleitung zu unternehmen.

In der Ostertorwache hielt die Gestapo Gegner des NS-Regimes fest. Foto: Daniela Krause
Else Weinberg wird nur 48 Jahre alt
„Hier wohnte“ steht auf dem ersten Stolperstein des Audiowalks in der Straße „Hinter dem Schütting 8“, darunter der Name Else Weinberg geb. Wolff, „Jg. 1895, eingewiesen 25.8.1943 Bremer Nervenklinik verlegt 9.12.1943, Heilanstalt Meseritz, ermordet 12.12.1943.“ „Die Mutter von zwei Kindern ist an Multipler Sklerose erkrankt, ihre Beine sind gelähmt, sie kann das Bett nicht mehr verlassen“, beschreibt der Erzähler.
In der Bremer Nervenklinik erhoffte sich die Familie Hilfe.
Doch die Klinik wurde im November 1943 bei einem Bombenangriff erheblich beschädigt. Mit mehr als 300 anderen Patienten brachte man Else Weinberg daher in die „Heil- und Pflegeanstalt“ Meseritz-Obrawalde – nur, dass dort zu diesem Zeitpunkt kranke, behinderte und alte Menschen aus ganz Deutschland systematisch ermordet wurden. Um den Mord an der 48-Jährigen zu vertuschen, gab man „Altersschwäche“ als offizielle Todesursache an.

Dieser Stolperstein Hinter dem Schütting 8 ist Else Weinberg gewidmet. Foto: Daniela Krause
Ludwig Fürstenthal: Ermordet in Minsk
„Hier wohnte Ludwig Fürstenthal“, steht auf dem Stolperstein in der Ostertorstraße 39, „Jg. 1878, deportiert 1941, ermordet in Minsk.“ Er lebte und arbeitete seit 1926 als Zahnarzt in Bremen und betrieb dort sein „Zahnatelier“ – dies wird durch Praxis-Geräusche im Audioguide untermalt. „Da ihn eine Gehbehinderung körperlich einschränkt, bekommt er Hilfe von seiner Nachbarin Emma Ahlburg. Die beiden sind ein Paar, haben sich sogar verlobt. Doch heiraten dürfen sie nicht. Die nationalsozialistischen Rassengesetze von 1935 verbieten es, weil Ludwig Jude ist“, erzählt der Sprecher über die Kopfhörer.

Ludwig Fürstenthal führte in Bremen eine Zahnarztpraxis. Foto: Daniela Krause
Schikaniert und misshandelt
Emma Ahlburg wurde als „Judenbraut“ schikaniert, von der Geheimen Staatspolizei, bekannt als Gestapo, verhört und misshandelt. Ab 1939 durfte Ludwig Fürstenthal nur noch Juden behandeln. 1941 erhielt er den Ausweisungsbefehl und verpackte seine Praxiseinrichtung in zehn Kisten. Zusammen mit 442 anderen jüdischen Menschen aus Bremen deportierte man ihn in das Ghetto Minsk. „Dort wurde er ermordet: sofern er nicht den unmenschlichen Lebensbedingungen im Ghetto erlag, fiel er einer der Massenmordaktionen zum Opfer, die Ende Juli 1942 begannen“, ist über sein Schicksal nachzulesen.
Patenschaften für Bremer Stolpersteine
Ein Stolperstein wird mit einer Patenschaft finanziert. Die Spende dafür beträgt 120 Euro, wobei der Stolperstein als Geschenk der Bürger an die Stadt gedacht ist. Paten können Einzelpersonen, aber auch Gruppen oder Institutionen sein. Auch Putzpatenschaften für die Stolpersteine können übernommen werden und ehrenamtliche Mitarbeit bei der biografischen Spurensuche ist möglich. In Bremen sollen im November 2026 weitere Stolpersteine verlegt werden, um der Deportation von Bremer Juden in das Ghetto von Minsk vor 85 Jahren zu erinnern. Der Initiativkreis Stolpersteine Bremen verzeichnet die Gedenksteine online, gefiltert nach Namen, Stadtteil und Straße.
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