Verfressene Schiffsbohrwürmer

Über Tiere an Bord gibt es viele Geschichten: Von Schiffsbohrwürmern, Schwarzen Witwen, Katzen und anderen freiwilligen oder unfreiwilligen Begleitern erzählt die aktuelle Sonderausstellung in Bremerhaven. Zu sehen ist sie noch bis Mai 2027.

Von Daniela Krause

Katzen gelten eher als wasserscheu. Dennoch nahm man sie gerne für die Jagd nach Mäusen und Ratten mit an Bord. Eine Samtpfote, die sich einen besonderen Namen gemacht hat, ist „Unsinkable Sam“. Dieser erstaunliche schwarze Kater mit dem deutschen Namen Oscar soll im Zweiten Weltkrieg gleich drei Untergänge der Kriegsmarine und der Royal Navy überlebt haben: den Untergang des Schlachtschiffs „Bismarck“, die Versenkung des britischen Zerstörers „HMS Cossack“ sowie des Flugzeugträgers „HMS Ark Royal“. Zwar berichten weder Dokumente noch Überlebende der „Bismarck“ von einer Katze an Bord, aber zumindest im Fall der britischen Schiffe ist diese Geschichte belegt worden.

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In der Sonderausstellung „Tiere an Bord – Wissen, Ware, Wunder“ im Deutschen Schifffahrtsmuseum Bremerhaven (DSM) können kleine und große Besucher in Oscars Schiffsleben eintauchen: Das 2D-Jump-And-Run-Achtion-Adventure „Unsinkable Sam“ befindet sich zwar noch in der Entwicklung, doch das erste Level rund um den mit allen Wassern gewaschenen Kater lässt sich an einer Medienstation ausprobieren. Der Spieler lenkt Oscar durch verschiedene Abteilungen der Kriegsschiffe, erledigt Aufgaben, kommuniziert mit der Crew und löst auch einige Rätsel. Eingebettet wird das Ganze in handgezeichnete Zwischensequenzen.

Ein Gemälde eines schwarzen Katers.

Dieser legendäre Kater galt als unsinkbar. Foto: Daniela Krause

Leonard knuspert sich durch Bremerhaven

Weitere faszinierende Geschichten erzählen die tierischen Passagiere selbst. Der Filmemacher Omry Goldman hat für die Ausstellung KI-gestützte Kurzfilme im Hochformat produziert. So kommt unter anderem der nimmersatte Schiffsbohrwurm Leonard zu Wort, der biologisch betrachtet eigentlich eine Muschel ist. Leonard und seine Familie haben in Bremerhaven an Kajen, Brücken und Fähranlegern für Schäden in Millionenhöhe gesorgt. In der Sonderausstellung wurde ihm deshalb ein eigener Bereich gewidmet, wo man ihm in einer Audioinstallation beim Holzknuspern lauschen kann. Auch Foxterrier-Hündin Whiskey, die auf dem Schulschiff Gorch Fock mitsegelte, berichtet neben Oscar und anderen Tieren von ihren Abenteuern auf hoher See.

Ein von Schiffsbohrwürmern zerfressenes Stück Holz.

Wie verfressen Schiffsbohrwürmer sind, zeigt dieses Holzstück. Foto: Daniela Krause

Schwarze Witwe legt Frachtschiff lahm

Ein giftiges Tierchen auf acht Beinen hat 2024 in Bremerhaven allein durch seine Anwesenheit einen Frachter lahmgelegt. Unter einem Container der „Arc Commitment“ wurden mehrere Schwarze Witwen entdeckt, die vermutlich in einem Hafen in Texas an Bord gelangt waren. In einem nachgebauten Container mit Stoffwänden können Kinder auf Spinnensuche gehen. Übrigens: Nicht nur das Frachtschiff, auch ein Teil des Osthafens wurde auf den Fund hin großräumig abgesperrt und die Schädlingsbekämpfung gerufen. Erst zwei Monate später konnte das Schiff wieder Fahrt aufnehmen. Als weitere unbeliebte Schiffsbegleiter werden in der Ausstellung Mäuse, Ratten und Kornkäfer vorgestellt. Letzterer ist, Nomen est omen, dafür bekannt, sich durch ganze Getreideladungen zu futtern.

Ein Containerschiff in einem Glaskasten steht in der Ausstellung des Deutschen Schifffahrtsmuseums

Klein aber oho: Die Schwarze Witwe stoppte ein Frachtschiff. Foto: Daniela Krause

Frikadellen für Pinguine

Es gibt aber auch Geschichten, die sehr zum Nachdenken anregen. Denn ergänzend zu den erwünschten Begleitern und Seelentröstern und den „blinden Passagieren“ sind da auch noch exotische Tiere wie Affen, Elefanten, Schildkröten oder Kaiserpinguine, die nicht freiwillig an Bord kamen, sondern auf anderen Kontinenten gekauft, ertauscht oder einfach mitgenommen wurden. „Für die Kaiserpinguine hat man sogar ein kleines Becken an Bord gebaut, damit diese schwimmen konnten“, sagt Annica Müllenberg vom DSM. „Aber man hat sie eben mit Buletten gefüttert und hat ihnen Musik aus dem Grammofon vorgespielt. Die Leute hatten also wenig Ahnung von den Tieren, haben sie zum Teil vermenschlicht und letztendlich in Zoos gebracht.“

Eine präparierte Riesenschildkröte hinter Glas.

Mit Schildkröten veranstalteten Seeleute Rennen zum Zeitvertreib. Foto: Daniela Krause

Tiere als Wissensbringer und Handelsware

„Die Idee zu einer Ausstellung über Tiere begleitet mich schon sehr lange“, erzählt Prof. Dr. Ruth Schilling, Direktorin des DSM und wissenschaftliche Gesamtleiterin der Ausstellung. „Tiere an Bord gab es schon immer. Wir versuchen zu zeigen, dass sie aber auch maßgeblich unsere globale Moderne mitgeprägt haben – als Lebewesen, die Wissen vermittelten, aber mit denen gleichzeitig auch Geld verdient wurde.“ Der Blick richtet sich dabei nicht mehr nur auf einzelne Tierarten, sondern auf die große Vielfalt der Tiere, die nachweislich auf Schiffen unterwegs waren.

Rahmenprogramm mit Aktionstag

Die Sonderausstellung „Tiere an Bord – Wissen, Ware, Wunder“, an der mehr als 20 Forschungsinstitutionen, Archive und Sammlungen beteiligt sind, ist noch bis zum 17. Mai 2027 täglich von 10 bis 18 Uhr zu sehen. Tickets kosten zehn Euro, ermäßigt fünf Euro. Für Kinder und Jugendliche bis einschließlich 18 Jahre ist der Eintritt frei. Rund um die Ausstellung gibt es ein Rahmenprogramm mit Führungen, Vorträgen und Veranstaltungen für Kinder und Familien, etwa die Gruseltour zu Halloween, die Tierisch lange Nacht am 14. November oder der Aktionstag „Tierisch unterwegs“ am 18. April mit vielen Mitmachstationen.

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