Der Zeltknoten
Wenn Kinder ein Igluzelt aufbauen möchten, kann es schon mal laut werden. Entweder reden alle durcheinander, oder mindestens ein Kind weint – Einblicke in Buschmanns Kosmos.
Von Ulf Buschmann
Es ist Sonntag, irgendwann zwischen Mittagessen und Abendbrot. Eigentlich ist es um diese Zeit recht ruhig in der Nachbarschaft. Dies kann sich jedoch dann schlagartig ändern, wenn die Kinder meiner Nachbarin und ihr Besuch aufdrehen. So auch an diesem Tag. Während die Kinder in der Regel mit einem Roller und einem Laufrad im wahrsten Sinne des Wortes über den Boden ihres Balkons brettern, versuchen sie sich heute am Aufbau eines Igluzeltes; eines der größeren, wohlgemerkt!
Los geht’s, wie sollte es anders sein, mit dem typischen „Klongpadoing“ der auf den Boden plumpsenden Zeltstangen. Sehr geräuschvoll versuchen die Kinder dann, den Zeltstoff zu sortieren. Die ansteigende Stimmen- und Geräuschkulisse signalisiert: Irgendwas ist da schiefgelaufen. Ich schaue um die Ecke und beobachte das Schauspiel einige Zeit grinsend. Einer der Jungen sieht mich und ruft begeistert herüber: „Wir bauen ein Zelt!“ Ein anderer, sehr schick mit weißem Hemd bekleideter Junge stimmt mit ein: „We are building a tent.“
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Den Hinweis, dass da etwas nicht stimmen kann, verkneife ich mir lieber. Ich ziehe meine auf dem Balkon trocknende Wäsche kurz zurecht und verschwinde wieder in meiner Wohnung. Glücklicherweise kann ich das Geschehen aus dem Fenster meiner Dachschräge unbemerkt beobachten. Nach einigen Minuten taucht die Mutter auf: links unterm Arm ihr jüngstes, gerade einige Wochen altes Kind, rechts das Handy. Dies scheint an ihr festgewachsen zu sein.
Jetzt ist die gute Frau gefordert und muss überlegen: Legt sie zuerst das Baby oder das Handy ab? Sie entscheidet sich für beides. Die Kinder, von denen scheinbar keines älter als zehn Jahre ist, haben nämlich aus dem Igluzelt ein schönes Knäuel produziert. Da geht irgendwie gar nichts mehr. Trotzdem versucht Mama ihr Glück, während die Kleinen in die Wohnung verschwinden. Mama entwirrt das Knäuel langsam, aber sicher und flucht dabei mal auf Englisch, mal scheinbar in ihrer Muttersprache, die irgendwo auf dem afrikanischen Kontinent gesprochen wird.
We are building a tent.
Zwischendurch fängt das Baby an zu schreien, sodass Mama ihr Tun unterbrechen muss. Aber nach einer gefühlten Ewigkeit hat sie es schließlich geschafft. Zeltstoff und Gestänge sind getrennt. Allerdings scheinen die Kinder inzwischen das Interesse an ihrem Zelt verloren zu haben. Schimpfend verschwindet auch Mama in der Wohnung, und ich muss meinen Film an den Anfang zurückspulen, den ich eigentlich längst schauen wollte.
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