Mein Date mit der Natur
Ein Nachmittag ohne Zeitdruck – dafür mit viel frischer Luft und wohltuenden Übungen. Unsere Autorin hat bei „Kreative Auszeit Bremen“ das Waldbaden inklusive Feuerritual ausprobiert.
Von Daniela Krause
„Mama, hast du den Badeanzug eingepackt?“, flötet mir die Lütte entgegen. „Wieso Badeanzug?“, frage ich zurück. „Na, du wolltest doch im Wald baden“, meint sie. Lachend erkläre ich ihr, dass ich beim Waldbaden nicht nass werde. „Wir springen nicht in einen See, oder so. Waldbaden bedeutet so viel wie ein Bad nehmen in der Atmosphäre des Waldes.“ Die Lütte macht große Augen. Waldbaden ist auch für mich noch völlig neu. Die ganze Woche habe ich mich wie ein Honigkuchenpferd auf den Kurs gefreut. Endlich mal etwas nur für mich machen – ohne auf die Uhr zu gucken.
Waldbaden und die „Kraft des Feuers“
Geleitet wird das Ganze von Vanessa Heyse, die „Kreative Auszeit Bremen“ ins Leben gerufen hat. Dieses Mal bietet sie Waldbaden zum ersten Mal in Kombination mit „Kraft des Feuers“ an. Ich bin gespannt, was mich erwartet und mache mich auf den Weg nach Bremen-Schönebeck. Wir treffen uns auf einem kleinen privaten Waldgelände. Frühling liegt in der Luft an diesem Tag im März: Die Vögel zwitschern, es ist angenehm mild, sodass die Jacke im Rucksack bleiben kann. In der überschaubaren Runde von acht Personen stellen wir uns kurz vor und gehen erst einmal in uns: Wie war unser Tag bisher? Was erhoffen wir uns von heute? Die Redemuschel geht um. Jeder kommt zu Wort, alle hören zu und urteilen nicht.
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Es sind Wiederholungstäter dabei, die berichten, wie gut ihnen das Waldbaden getan hat und dass sie dabei wunderbar zur Ruhe kommen. Es gibt aber auch Neugierige, so wie ich, die es zum ersten Mal ausprobieren. Vanessa Heyse erzählt uns, dass Waldbaden oder auch „Shinrin Yoku“ in den 1980er-Jahren in Japan entwickelt wurde und dort als Therapieform anerkannt ist. Bei uns gibt es das noch nicht so lange: Im Jahr 2016 wurde der erste Kur- und Heilwald Europas auf der Insel Usedom eröffnet. Seitdem hat sich das Waldbaden als erschwingliches Präventionsangebot in Deutschland weiterverbreitet. Vanessa Heyse hat es im Sommer 2024 erstmals angeboten. Heute ist es das dritte Mal.
Sich wieder mit der Natur verbinden
„Beim Waldbaden geht es darum, Stress abzubauen“, sagt sie. „Das Gedankenkarussell in den Griff zu bekommen und erholter und mit mehr Energie daraus hervorzugehen.“ Durch die rasante technische Entwicklung und unsere leistungsorientierte Gesellschaft, würden wir sehr oft im Außen leben und hätten dabei verlernt, „uns mit der Natur und uns selbst zu verbinden“. Ich weiß, was sie meint. In meinem Job verbringe ich dank Social Media schon sehr viel Zeit am Smartphone. Und auch privat ertappe ich mich immer wieder dabei, dass ich nach dem kleinen Gerät greife, um mal eben schnell etwas nachzuschauen. Wie erholsam ist es doch, das Smartphone auch mal mit Absicht in einem anderen Raum liegen zu lassen. Mal nicht erreichbar zu sein.

Das Waldbaden findet auf einem geschützten, privaten Grundstück statt. Foto: Daniela Krause
Intensiver als ein Waldspaziergang
Deshalb möchte ich wie ein Schwamm alles aufsaugen, was ich an Impulsen für Achtsamkeit und Selbstfürsorge mitnehmen kann. „Entschleunigung“ ist für mich das Stichwort, aber auch das Staunen wieder zu lernen, das Kindern angeboren zu sein scheint. Waldbaden, so habe ich gelesen, ist in der Tat kein Hokuspokus, wie manche vielleicht denken, und es ist ein intensiveres Erlebnis als ein Waldspaziergang – nach dem man sich ja auch schon frischer und belebter fühlt. Waldbaden zielt darauf ab, alle Sinne in die Natur eintauchen zu lassen und in Einklang mit ihr zu gelangen. Wissenschaftliche Studien belegen sogar, dass Waldbaden positive Auswirkungen auf die Gesundheit hat. Es baut Stresshormone ab, senkt den Blutdruck und stärkt das Immunsystem. Außerdem ist es gut für die Psyche, lindert Ängste und hellt die Stimmung auf. Deshalb kann es etwa bei Burnout, Energielosigkeit und Schlafproblemen hilfreich sein.
Negatives abschütteln und tief durchatmen
„Wir versuchen, durch das Waldbaden ins Körpergefühl zu kommen, damit wir frühzeitig merken, wenn sich vielleicht eine Krankheit anbahnt“, erzählt Vanessa Heyse. Und dann lädt sie uns ein, einfach mal anzufangen: Durch lockernde Bewegungen von Armen und Beinen und schließlich des ganzen Körpers sollen wir Negatives im wahrsten Sinne des Wortes „abschütteln“. Anfangs fällt es mir noch etwas schwer, mich ganz darauf einzulassen. Mir schießt ein Gedanke durch den Kopf: Was andere wohl denken, wenn sie uns hier so sehen? Das Gute ist: Wir sind dank der Bäume abgeschirmt vor den Blicken anderer, und so gelingt es mir, nach den ersten Atemübungen tatsächlich, langsam ruhiger zu werden und mich ganz auf das zu konzentrieren, was als Nächstes passiert.

Ausgestattet mit einem kleinen Becher machen wir uns auf die Suche nach duftenden Zutaten. Foto: Daniela Krause
Ein Duft aus der „Walddrogerie“
Jeder von uns bekommt einen kleinen Plastikbecher. Damit ziehen wir los, um aus dem, was wir auf dem Waldgelände finden, einen eigenen Duft zu kreieren. Wir sammeln, pflücken und zerreiben – bis wir mit unserem Duft zufrieden sind. Ich schaue mich auf dem Waldboden um, zupfe einige Blätter von Pflanzen, picke Tannennadeln auf, füge eine gelbe Blüte hinzu und streue noch etwas Moos darüber. Mit einem Stöckchen zerstampfe ich die Mischung. Es riecht erdig, aber auch angenehm frisch. Zurück am Platz, darf jeder mal beim anderen schnuppern. Es ist erstaunlich, wie unterschiedlich die Düfte sind: blumig, harzig, fruchtig oder auch würzig. Von allein wäre ich nicht auf diese Idee gekommen.
Mit dem Spiegel auf der Nase
Auch die nächste Aufgabe ist neu. Dafür tue ich mich mit einer Frau zusammen, mit der ich vor dem Waldbaden schon ein paar Worte gewechselt habe. Sie hält sich einen kleinen Spiegel auf die Nase und kippt ihn so, dass sie sehen kann, was sich über ihrem Kopf befindet. Ihre Füße sieht sie nicht mehr. Deshalb ist es meine Aufgabe, sie sicher über das Gelände zu führen. „Etwas mehr nach rechts“, dirigiere ich. „Achtung, da kommt eine Wurzel. Einen großen Schritt machen, bitte.“ Nach einiger Zeit tauschen wir. Der Blick in den Spiegel nach oben ist ungewohnt. Ich sehe blauen Himmel und Äste. Meine Partnerin bugsiert mich bis zu einem dicken Buchenstamm. Ich schaue hinauf in die Baumkrone, wobei mir ein bisschen schwindelig wird. Wie selten man doch im Alltag bewusst nach oben schaut. Dieser Perspektivwechsel ist inspirierend. Das bestätigen später auch die anderen.

Zum ersten Mal kombiniert Vanessa Heyse das Waldbaden mit „Kraft des Feuers“. Foto: Daniela Krause
Ich habe Feuer gemacht!
Im zweiten Teil des Kurses geht es um die „Kraft des Feuers“. Feuer gemacht hat wohl jeder von uns schon, aber eher mit Streichhölzern oder einem Feuerzeug. Vanessa Heyse reicht Magnesiumstäbe und gezackte Metallplättchen an uns weiter, die wie kleine Sägeblätter aussehen. Ich ratsche damit schnell über den Stab. Das ist gar nicht so schwer, wie ich dachte. Schon sprühen die ersten Funken. Mit ein bisschen Übung gelingt es mir, einen kleinen Bausch Watte anzuzünden, der auf einem Stein liegt. Die Watte glimmt, schrumpft und verschwindet.
Zu Asche
Vanessa Heyse schichtet in der Feuerstelle Holz zu einer Art Tipi auf. Das mit dem Funken und dem Feuer machen dauert bei ihr nur wenige Sekunden. Schon lodern die ersten Flammen hoch und bald brennt das Lagerfeuer lustig vor sich hin. Unsere Anleiterin gibt kleine Blöcke und Stifte herum. Sie ermutigt uns, etwas auf die Zettel zu schreiben, das wir loslassen oder mit dem wir abschließen möchten. Das kann eine Person sein, die uns nicht guttut, eine Angst, die uns schlaflose Nächte beschert oder eine schlechte Gewohnheit, die wir ablegen möchten. Reihum werfen wir den zusammengefalteten Zettel ins Feuer und schauen zu, wie er langsam zu Asche verbrennt.

Der Funke von Vanessa Heyse springt schnell über. Schon brennt das Feuer. Foto: Daniela Krause
Positive Veränderung
„Feuer ist ein Symbol für Veränderung und Erneuerung“, hat uns Vanessa Heyse vor dem Ritual erklärt. „Man kann Altes verbrennen und gleichzeitig Platz für Neues schaffen.“ In vielen Kulturen gelte Feuer als reinigende Kraft, die etwas Zerstörerisches, aber auch etwas Energievolles, Belebendes habe. Wir wiederholen das Ritual, diesmal jedoch mit dem Fokus auf die positive Veränderung, für die wir dankbar sein werden. Sie stellt uns frei, den Zettel mitzunehmen oder ihn den Flammen zu überlassen. Ich entscheide mich für das Verbrennen. Der Zettel landet neben der Glut. Vanessa Heyse hilft ein wenig nach, und ich schaue zu, wie die Flammen nach dem Papier lecken.
Stockbrot, Bärlauch-Quark und Limonade
Ein schöner Nachmittag mit vielen Impulsen geht langsam zu Ende. Vanessa Heyse verteilt Stöcker und Messer. Vorsichtig schneide ich die Rinde vom oberen Teil des Stockes. Zum Ausklang backen wir Stockbrot, essen dazu Quark mit frischem Bärlauch und trinken selbstgemachte Limonade. Wir sitzen noch eine Weile rund um das wärmende Feuer und erzählen, wie gut uns die Übungen getan haben: Die Atemtechniken, die wir bewusst zur Entspannung oder zur Energetisierung in unseren Alltag einbauen können, der Perspektivwechsel mit dem Spiegel, aber auch das Ritual des Loslassens am Feuer… Da meldet sich mein Smartphone. Mein Mann ist dran und fragt: „Wann kommst du nach Hause?“ Oh man, ich habe ganz die Zeit vergessen. „Gleich“, sage ich und lege das Handy mit einem kleinen Seufzer in den Rucksack. Da ist er wieder, der Alltag. Eigentlich sollte man sich eine Auszeit wie diese viel öfter gönnen.
Über „Kreative Auszeit Bremen“
Vanessa Heyse ist studierte Biologin und Landschaftsökologin. Geboren und aufgewachsen ist sie in Mecklenburg. Seit etwa 14 Jahren schlägt ihr Herzt für Bremen, genauer gesagt für Bremen-Nord. Dort hat sie sich einen Traum erfüllt und die „Kreative Auszeit Bremen“ gegründet. Doch sie bietet nicht nur Naturerlebnisse wie Waldbaden an. In ihrer Kreativwerkstatt kann man auch in kleinen Gruppen Kerzen gestalten, Seifen schnitzen, Holz schnitzen oder Ytong-Steine bearbeiten. Das nächste Waldbaden findet im Mai statt. Im August ist gemeinsam mit Laura Hilken von Awakening Sunrise ein Wochenend-Retreat im Seminarhotel Harbergen geplant, in dem es um Energie und Selbstfindung geht. Dabei werden Waldbaden und das Feuerritual eine Rolle spielen, aber auch Yoga, Qigong und angeleitete Selbstmassage.
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