Wie tief ein Anwalt fallen kann

Rezension: Die langjährige Gerichtsreporterin Karin Lüppen taucht in ihrem neuen Roman „Der dunkle Rand der Welt“ ins Innere eines Menschen ein.

Von Daniela Krause

Als ich das Cover des neuen Buches von Karin Lüppen sah, dachte ich angesichts des Titels und aufgrund der düsteren Farbgebung sowie der schemenhaften Gestalten zuerst an einen Krimi oder einen Thriller. Doch ihr zweites Werk ist keins von beidem. Vielmehr hat die gebürtige Ostfriesin mit „Der dunkle Rand der Welt“ einen Roman veröffentlicht, in dem die Welt eines Bremer Rechtsanwalts langsam aber sicher durch eine unglückliche Liebe und Abhängigkeit aus den Fugen gerät. In ihrem Buch zeigt sie eindrucksvoll, was passieren kann, wenn man an die falschen Personen und Substanzen gelangt.

Buch Der dunkle Rand der Welt von Karin Lüppen

Rechtsanwalt Erik Klammroth sitzt nach dem Bruch mit seiner ehemaligen Kanzleigemeinschaft auf einem Schuldenberg. Als wäre das nicht genug, hat er sich ausgerechnet in die Frau seines besten Freundes Georg verliebt. Georg Harries ist das genaue Gegenteil von Erik: Er genießt sein Luxusleben in einer großen Villa, hat immer den neuesten Smartphonetyp am Ohr oder lässt sich durch die Stadt chauffieren. Nach Feierabend treffen sich die beiden gerne mal auf ein Bierchen.

Erik hätte gerne die Anerkennung und den Erfolg seines Freundes, doch es gibt etwas, das er am allermeisten begehrt: Lena, die rothaarige Frau an Georgs Seite, die dem sonst sehr gewissenhaften und verantwortungsbewussten Anwalt die Sinne vernebelt. Zumindest versucht er während der Verhandlungen nicht an sie zu denken, was ihm nur schwer gelingt. Wenn es drauf ankommt, wirft sich Erik mächtig ins Zeug für seine Mandanten und unterstützt diese auch außerhalb des Gerichtssaals. So will er unter anderem einem jungen Straftäter mit Drogenproblemen zu einer Lehrstelle verhelfen.

Freispruch für Betrug und Steuerhinterziehung

Bei einem Treffen im Hause Harries stellt Georg Erik seine Kanzleikollegen Johann (Jo), Ricci und Paul vor und unterbreitet Erik ein Angebot, das dieser nicht ablehnen kann: Es geht um Betrug und Steuerhinterziehung in großem Stil. Für einen bekannten Unternehmer, der jede Menge auf dem Kerbholz hat, soll ein Freispruch erwirkt werden. Ein Fall, für den Unmengen an Akten gewälzt werden müssen. Erik wittert seine Chance und steigt mit ein. Jo nimmt ihn sofort unter seine Fittiche. Die Arbeitstreffen der beiden enden nicht selten in Restaurants und Bars mit reichlich Alkoholgenuss.

Auch an Georgs Geburtstag trinkt die Anwaltsrunde fröhlich Alkohol. Währenddessen nutzt Erik die Gelegenheit, um Lena in der Küche zu helfen. Bei jedem Treffen kommen sich die beiden näher als es für eine vertrauensvolle Zusammenarbeit oder eine Freundschaft mit Georg gut wäre. Es zeigt sich, dass Lena, die mit Georg zwei Kinder hat, für Eriks Komplimente und Flirtereien mehr als empfänglich ist. Erik erregt und verwirrt dies gleichermaßen; Schuldgefühle steigen in ihm hoch. Schließlich offenbart er Jo gegenüber seine Gefühle für Lena, was die Sache immer verzwickter macht. Hinzu kommt, dass Erik wie ein besessener an dem großen Fall arbeitet und Stress und Druck ihm sehr zu schaffen machen.

Der tiefe Fall

Der Wendepunkt kommt an einem Tag, als Erik todmüde in Johanns Büro sitzt. Um ihn „auf Trab“ zu bringen, bietet Jo ihm an, eine Linie Kokain zu ziehen. Erst hält Erik seinen Arbeitskollegen für komplett verrückt. Als beide die Drogen konsumiert haben, geht die Arbeit viel leichter von der Hand. Und es soll nicht bei diesem einen Mal bleiben. Erik verfällt immer mehr verschiedenen Rauschmitteln, während Jo ihm wie beiläufig so einige Gemeinheiten über Georg steckt.

Seine Sekretärin Thea ist die Einzige, die merkt, dass ihr Chef „Raubbau an seiner Gesundheit“ betreibt. Erik setzt sich weiterhin enorm unter Druck. Nach mehreren schweren Drogenabstürzen glaubt er sich endlich am Ziel, als Lena mit ihm schläft. Doch ist sie auch bereit, ihren Mann, ihre Kinder und ein Leben in Luxus für eine ungewisse Zukunft mit Erik aufzugeben? Was wird aus der engen Männerfreundschaft zwischen Georg und Erik? Und welche Rolle spielt Johann in all diesem Beziehungschaos?

Autorin Karin Lüppen

Karin Lüppen am Bremer Landgericht. Foto: Klaus Ortgies

Denken und fühlen wie Männer

Eindrücklich und in einer sehr bildhaften Sprache („Das Aufwachen ist, als würde ich aus sehr tiefem, schwarzen Wasser wieder an die Oberfläche kommen.“) erzählt die langjährige Gerichtsreporterin Karin Lüppen in ihrem Roman, wie tief ein Anwalt fallen kann und was Drogen mit einem Menschen anrichten können. Dabei gelingt es ihr erstaunlich gut, sich in die männliche Gedanken- und Gefühlswelt hineinzuversetzen. Die Figuren, aber auch die Handlung sind rund und authentisch. Bremer und Bremen-Fans werden einige vertraute Orte entdecken, darunter die Schlachte und das Landgericht Bremen.

Karin Lüppen lässt den Leser sehr intensiv an Eriks geistigen und körperlichen Höhenflügen sowie den darauf folgenden Zusammenbrüchen teilhaben; an den Momenten, an denen er am dunklen Rand der Welt steht und alles vor den Augen verschwimmt. Geschickt offenbart die Autorin dem Leser außerdem Stück für Stück die dunklen Geheimnisse ihrer wichtigsten Protagonisten – unter anderem, dass Georg seine hübsche Lena schon mehrfach mit Chat-Bekanntschaften betrogen hat. Davon, dass sein bester Freund mit seiner Frau geschlafen hat, hat Georg wiederum keinen blassen Schimmer.

Spürbar ist, wie zerrissen die Hauptfigur Erik zwischen der Freundschaft zu Georg, der Liebe zu dessen Frau und der gefährlichen Anziehungskraft der Drogen ist, auf die Johann ihn erst gebracht hat. Einer wird am Ende den Kürzeren ziehen, so viel lässt sich relativ früh erahnen. Wer dies sein wird, soll an dieser Stelle jedoch nicht verraten werden.

Zum Buch

Der Roman „Der dunkle Rand der Welt“ von Karin Lüppen ist bei BoD (Books on Demand) erschienen. Er ist unter der ISBN 978-3-751-98383-9 erhältlich und kostet 21 Euro.