Hans trägt Helm, Gasmaske und Overall

Das ehemalige Warnamt II in Bassum war einst Schaltzentrale für 12.000 Sirenen und ist heute ein Museum zum Anfassen. Besucher erleben hier hautnah die Geschichte des Zivilschutzes und erfahren, wie Deutschland sich einst auf den Ernstfall vorbereitete.

Von Ulf Buschmann

Die massive Stahltür öffnet sich fast lautlos. Dahinter beginnt eine Welt, die so heute nicht mehr existiert. Rechts vom Gang liegen Räume für Bedienstete und Leitungen. Durch einen ehemaligen Schulungsraum geht es in den ersten Teil des Museums. Zwischen zwei Schaukästen steht Hans, eine Puppe. „Hans ist für die Sekundärwirkung eines Atomkriegs sehr gut ausgestattet: Mit Gasmaske gegen Fallout, Overall für schnelle Dekontamination und Helm gegen Trümmer“, sagt Mirko Krumm. Er ist Vorsitzender des Vereins „Warnamt II“ in Bassum. Die Mitglieder klären in ihrem kleinen Museum über die Geschichte des Zivilschutzes in der alten Bundesrepublik auf.

Die Warnämter wurden in den Jahren 1957 und 1958 gegründet. Auslöser war der immer bedrohlicher wirkende Kalte Krieg. Die Aufgabe dieser Einrichtungen war die Warnung der Zivilbevölkerung vor Gefahren wie möglichen Luftangriffen oder Atomschlägen. Bundesweit gab es zehn Warnämter; das in Bassum hatte einen Einzugsbereich von der Nordsee bis ins Münsterland. Von dort konnten bis zu 12.000 Sirenen gesteuert werden. Dafür gab es spezielle Bunker.

Ein kleiner Museumsraum zeigt Utensilien des Zivilschutzes. „Hans“, die Puppe ist ideal für die Folgen eines Atomschlags ausgerüstet.

Vier Stockwerke tiefer Bunker

Das Warnamt II befand sich in einem 1961/62 errichteten, vier Stockwerke in die Tiefe reichenden Bau – über 35 Meter lang, 29 Meter breit, fast 16 Meter hoch und 96.000 Tonnen schwer. Der Bassumer Bunker ist für einen nuklearen Nahtreffer von weniger als einem Kilometer Entfernung mit einer Sprengkraft von 25 Kilotonnen ausgelegt – „dem Doppelten der Hiroshima-Bombe“, verdeutlicht Krumm.

Das Gelände liegt gut versteckt hinter einem kleinen Wald im Ortsteil Helldiek. Die Pläne reichen weiter zurück als ins Jahr 1961. Bereits Anfang Mai 1959 mietete der Bund eine Verwaltungsbaracke auf dem Gelände der ehemaligen Lungenheilstätte Bassum. Ende Juni kam eine weitere Baracke zur Aufnahme der technischen und taktischen Einrichtungen hinzu. Danach ging es Schlag auf Schlag: Baubeginn für den Bunker am 26. Oktober 1960, Richtfest am 7. Juli 1961. Am 10. Januar 1962 erfolgte der erste Probealarm im Einzugsbereich des Warnamtes II.

Die ehemaligen Unterkunfts- und Verwaltungsgebäude aus dem Jahr 1962 sind heute Teil der Schule. In den eigentlichen Bunker gelangt man durch einen verschlossenen Eingang. Es sind einfache Stahltüren, die vor allem ungebetene Gäste abhalten sollen. Krumm zeigt später auf einen Betonstumpf auf dem Bunkerdach. Darauf stand früher der 50 Meter hohe Turm für den Richtfunk. „Der Zivilschutz hatte ein eigenes Netz“, sagt Krumm. Überhaupt war das Fernmelde- und Kommunikationsnetz des einstigen Zivilschutzes hochkomplex und technisch anspruchsvoll – die Schaltpläne einiger Geräte verstanden nicht einmal Elektromeister.

Anhand einer Karte und eines Radiusmessers lässt sich feststellen, wie weit der radioaktive Fallout fliegt, sollte eine Atombombe über Bremen explodieren. Foto: Buschmann

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Immer den Dritten Weltkrieg vor Augen

Dass es nach dem verlorenen Zweiten Weltkrieg mit Millionen von Toten noch einmal zu einem Dritten kommen könnte, war für die Bevölkerung kaum vorstellbar. Aber für die knapp 200 hauptamtlichen und freiwilligen Mitarbeitenden des Warnamtes II waren entsprechende Szenarien Alltag. Die Technik von einst ist im Museum größtenteils erhalten geblieben. Teilweise haben die Vereinsmitglieder Geräte und Kommunikationsinfrastruktur wieder ein- und aufgebaut. Telefonzentrale, Fernschreiber, relaisgestützte Steuertechnik – alles ist erlebbar. „Wir sind ein Museum zum Anfassen“, meint Krumm stolz.

An zwei Modellen erleben die Besucher etwa eine Durchsage im Falle eines ABC-Alarms und den zugehörigen Sirenenalarm. Herzstück des Warnamt-Museums ist damals wie heute der etwa 16 mal 24 Meter große und sechs Meter hohe Einsatzraum. Von dort aus konnten die Bediensteten die Luftlage beobachten. Aber auch die Informationen über mögliche Verseuchung mit atomaren, chemischen und biologischen Kampfstoffen liefen in Bassum sowie den anderen neun Warnämtern über Tausende von Messstellen zusammen. Völkerrechtlich müssten zivile und militärische Einrichtungen streng voneinander getrennt sein. „Im NATO-Bunker saßen Warndienst-Mitarbeiter mit eigenem Radarbildschirm, der unabhängig zur NATO Luftlage-Information sammelte“, erklärt Krumm.

Diese Karte aus polnischen Beständen zeigt die geplanten Atomschläge in Norddeutschland. Bremen wäre eines der Hauptziele gewesen. Foto: Buschmann

„Für die Zukunft zu lernen“

Die technische Faszination ist einer der beiden Gründe für das Engagement der Vereinsmitglieder. Viel wichtiger ist laut Krumm indes, „von der Vergangenheit für die Zukunft zu lernen.“ Damit spricht der Vorsitzende auf die aktuelle sicherheitspolitische Lage in Europa an. 80 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs würden in der Ukraine wieder Zivilisten durch gezielte russische Luftangriffe sterben. Was Deutschland betrifft, werde zwar über die Notwendigkeit des Zivilschutzes diskutiert. Doch dieser „ist seit den 2000er-Jahren in Vergessenheit geraten“. Krumm bringt es auf den Punkt: „Es gibt aktuell keinen baulichen Zivilschutz in Deutschland.“ Jeder einzelne Mensch sei gefordert, für Unglücke, Katastrophen oder den Verteidigungsfall vorzusorgen: „Wir müssen als Gesellschaft resilienter werden.“

Eine kleine Zeitkapsel: Zeitungen aus dem Jahr der Errichtung des Warnamtsbunkers. Foto: Buschmann

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