Die Geschichte hinter dem Pressefoto

Bilder von Krieg, Flucht und Klimawandel: In der World-Press-Photo-Ausstellung in Oldenburg führen Schüler andere Schüler durch die Schau. Das Projekt „Schule@Museum“ setzt auf den Austausch unter jungen Menschen.

Von Daniela Krause

„Wo seht ihr euch in fünf Jahren?“, fragt Emma Heinrich in die Runde. Die Zwölftklässler des Bildungszentrums Technik und Gestaltung Oldenburg (BZTG) müssen nicht lange grübeln: Studium. Auf dem Land lebend. Vielleicht arbeitslos – Gelächter. Doch das Lachen verstummt schnell, als die 18-Jährige erklärt, warum sie gerade diese Frage gestellt hat. Sie deutet auf ein Foto hinter sich aus der Reportage „No Woman’s Land“ der iranisch-kanadischen Fotografin Kiana Hayeri in Afghanistan.

Wenn die Zukunft für Frauen zusammenbricht

Das Bild zeigt Mutter und Tochter in einem abgedunkelten Raum. Die junge Frau liegt auf dem Schoß ihrer Mutter, die ihr tröstend über den Kopf streichelt. „Als die Taliban im Jahr 2022 Frauen von Universitäten ausschließen und ihnen viele Tätigkeiten verbieten, bricht für sie von einer Sekunde auf die andere die Zukunft zusammen“, erläutert Emma Heinrich. „Dasselbe erlebte ihre Mutter als 19-Jährige.“ Sie habe das Foto sehr berührt: „Wir können uns alles überlegen, was wir nach der Schule machen wollen. Diese Möglichkeit haben die Frauen dort nicht.“ Es gibt Beifall am Ende ihrer Präsentation, bevor sich die Gruppe dem nächsten Foto zuwendet.

World-Press-Photo-Ausstellung in Oldenburg bei Schule@Museum

Das Projekt „Schule@Museum“ macht Pressefotografie für Schüler erlebbar. Foto: Daniela Krause

Tiefe Einblicke in die Pressefotografie

An zwei Tagen, so auch an diesem, ist die World-Press-Photo-Ausstellung nur für Schüler geöffnet. Das hat seinen Grund: Im Rahmen des Projektes „Schule@Museum“ führen Schüler der neunten bis zwölften Klassen Gleichaltrige durch die Ausstellung, um ihnen die Welt der Pressefotografie näher zu bringen – die Schicksale und Geschichten hinter den einzelnen Bildern. Rund 800 Schüler sind für 32 Führungen an sechs Tagen angemeldet. Etwa 20 Schüler der IGS Flötenteich und IGS Kreyenbrück haben Monate zuvor Fotos aus dem Ausstellungskatalog ausgewählt, tief recherchiert und sich intensiv auf die Präsentation der Bilder im Oldenburger Schloss vorbereitet – wie auch Emma Heinrich sowie ihre 17-jährigen Mitschülerinnen Eva Schmolke und Adina Miller von der IGS Flötenteich.

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„Schule@Museum“ – ein ausgezeichnetes Projekt

Das Projekt, das es seit sieben Jahren gibt, gewann eine Auszeichnung beim Bundeswettbewerb für Entwicklungspolitik. „Das ist der größte Preis für Erdkunde auf nationaler Ebene“, sagt Sven Kromminga, Lehrer an der IGS-Flötenteich. Die Idee für „Schule@Museum“ entstand durch eine Kunstvermittlerin, die feststellte, dass Führungen durch Gleichaltrige hervorragend funktionieren. Das eigenverantwortliche Lernen steht dabei im Mittelpunkt; die Grenzen zwischen Gesellschaftslehre, Kunst, Englisch und anderen Fächern sind fließend. Ein zentraler Aspekt von „Schule@Museum“ sei der „Peer-to-Peer-Ansatz“, sagt Dirk Kravagna, Lehrer an der IGS Kreyenbrück. „Außerdem finde ich den Perspektivwechsel gewinnbringend. Die Schüler beschäftigen sich mit globalen Problemen, holen so ein Stück weit die ganze Welt ins Klassenzimmer.“

Der emotionale Zugang, den die Bilder ermöglichen, fördert Empathie.

Diese ist deutlich zu spüren, als die Gruppe sich um das Gewinnerfoto des World-Press-Photo-Award 2025 versammelt. Zu sehen ist der neunjährige Mahmud. Bei einem israelischen Angriff auf Gaza-Stadt verlor er beide Arme, als seine Familie fliehen musste. Der Junge hofft auf Prothesen und darauf, wie andere Kinder leben zu können. Die Fotografin Samar Abu Elouf aus Gaza hat ihn in einem ruhigen Moment für die New York Times porträtiert. Die Schüler blicken betroffen und nachdenklich auf das Bild. Ein Teil der Präsentation geht unter, als eine andere Gruppe vorbeiläuft. Auf dem Schild neben dem Pressefoto steht, dass der Krieg in Gaza unter Kindern überproportional viele Opfer gefordert hat.

World-Press-Photo-Ausstellung in Oldenburg bei Schule@Museum

Die Guides vor dem Gewinnerfoto. Mit diesem Bild gewann die Fotografin Samar Abu Elouf den World-Press-Photo-Award 2025. Foto: Daniela Krause

Dokumentarfilm über das Lernkonzept

Während der Führung und den anschließenden Interviews macht ein junger Mann Filmaufnahmen: Robin Bischof von der IGS Flötenteich produziert mit seiner eigenen Kamera eine Doku über das Format „Schule@Museum“ und hat schon die Vorbereitungsphase im Bewegtbild festgehalten. Er will zeigen, wie Lernen außerhalb des Klassenzimmers gelingen kann. Das Lernkonzept sei ein gutes Vorbild für andere Schulen, findet er. „Meines Wissens nach soll die Doku später nicht nur im Rahmen des Projekts veröffentlicht werden, sondern auch bei der Konferenz der World-Press-Photo-Foundation in Amsterdam vorgestellt werden“, berichtet der 19-Jährige.

World-Press-Photo-Ausstellung in Oldenburg bei Schule@Museum

Robin Bischof von der IGS Flötenteich dreht einen Dokumentarfilm über das Lernkonzept von „Schule@Museum“. Foto: Daniela Krause

Fischernetz erzählt eine Krise

Vor der nächsten Bildbesprechung gibt es einen Fotoausschnitt auf dem Tablet, der ein Fischernetz zeigt, zu dem sich die Schüler Gedanken machen sollen. „Hinter dem Foto verbirgt sich eine tiefer gehende Geschichte“, sagt Adina Miller. Es gehört zur Serie „Der See ist verstummt“ des afrikanischen Fotografen und Filmemachers Aubin Mukoni. Adina Miller erklärt die Problematik um den Kiwusee an der Grenze zwischen Ruanda und der Demokratischen Republik Kongo: Durch steigende Temperaturen sinkt der Wasserspiegel. Gleichzeitig wurde im See Methangas entdeckt. Das Ökosystem ist bedroht. „Fisch ist in den Dörfern eine Hauptnahrungsquelle“, erklärt sie. „Wenn die Bestände sinken, hat das direkte Folgen für die Menschen.“ Sie appelliert an die Gruppe, dass jeder Einzelne etwas tun kann, um solche Klimawandel bedingten Krisen zu verhindern.

Fischernetz am Kiwusee

Nur ein Fischernetz? Hinter diesem Foto von Aubin Mukoni steckt mehr, als man auf den ersten Blick vermutet. Foto: Aubin Mukoni

Freie Foto-Auswahl der Schüler

Adina Miller wählte das Bild vom Kiwusee aus, „weil viel mehr dahintersteckt als man auf den ersten Blick vermutet“. In der Bilderwahl waren die Schüler völlig frei. Filip Bajovic aus dem zehnten Jahrgang pickte sich beispielsweise die Massenproteste in Georgien heraus, da sie in der Schule Thema seiner Halbjahresarbeit waren. Mert Alkoyun beschäftigte sich mit politisch motivierter Gewalt in den USA, was seine Facharbeit war. Eines der von ihm präsentierten Fotos zeigt Donald Trump, der bei einer Wahlkampfveranstaltung von der Bühne gebracht wird, nachdem ihm ein Attentäter ins Ohr geschossen hatte. Für die Bildbesprechung informierte sich Mert Alkoyun unter anderem über Waffenbesitz in den USA. „Es ist toll, dass wir junge Leute im Alter von 15 bis 20 Jahren mit unserer Führung erreichen können, dass sie so großes Interesse zeigen und sich auch beteiligen“, sagen die beiden Schüler der IGS Kreyenbrück.

World-Press-Photo-Ausstellung in Oldenburg bei Schule@Museum

Filip Bajovic hat sich für seine Präsentation unter anderem mit den Protesten in Georgien beschäftigt. Foto: Daniela Krause

Die perfekte Welle

Doch zurück zur Führung der drei jungen Frauen: Das nächste Bild aus der Kategorie Sport ist spektakulär und ging um die Welt: Der brasilianische Surfer Gabriel Medina scheint mit seinem Board über dem Meer zu schweben und streckt triumphierend einen Finger in den Himmel. Das Foto des französischen Fotografen Jérôme Bredouille entstand bei den Olympischen Spielen von Paris im Jahr 2024. Für die perfekte Welle erhielt Medina 9,90 Punkte und gewann Bronze. Doch Eva Schmolke erzählt auch hier die Geschichte hinter dem Bild: Die Surfwettkämpfe fanden nicht etwa in Frankreich, sondern auf Tahiti statt. Frankreich nahm die Insel 1768 in Besitz. Zwischen den 1960er- und 1990er-Jahren führte das Land dort Atomwaffentests durch – mit verheerenden Folgen für die Umwelt und die Bevölkerung.

World-Press-Photo-Ausstellung in Oldenburg bei Schule@Museum

Ein spektakuläres Sportfoto der Olympischen Spiele 2024, vorgestellt von Eva Schmolke. Foto: Daniela Krause

Der Elefant im Nebenraum

Für die nächste Station wird es erneut interaktiv: Eva Schmolke zeigt auf dem Tablet ein Bild von einem Elefanten, der bei grellem Scheinwerferlicht auf einer Müllkippe steht. Emma Heinrich verteilt Karten mit Adjektiven auf dem Boden. Die Schüler sollen sich die Begriffe nehmen, die sie am ehesten mit dem Bild verbinden. Sie entscheiden sich unter anderem für bedrohlich, nachdenklich und beklemmend. Doch bevor es im Nebenraum zur Auflösung kommt, müssen die drei Guides spontan umdisponieren, denn das Bild ist schon von einer anderen Gruppe „besetzt“ und der Geräuschpegel hoch – auch das Improvisieren haben die Schüler im Rahmen von „Schule@Museum“ trainiert.

Elefanten von Livingstone

Elefant und Mensch leben in Livingstone Seite an Seite – das kann für beide gefährlich werden. Foto: Tommy Trenchard

Schwerwiegende Aufnahmen

So steuern sie zunächst die Fotoserie des palästinensischen Fotografen Ali Jadallah an. Sie zeigt den Gazastreifen unter Beschuss durch Israel. Die Bilder dokumentieren nicht nur die Schrecken des Krieges, sondern auch die schlechte humanitäre Lage, wie den Mangel an Lebensmitteln, Trinkwasser und Medikamenten. Der Fotograf begab sich für diese Aufnahmen in Lebensgefahr, verlor im Krieg sogar selbst Familienangehörige. Eva Schmolke zitiert ihn: „Jedes Mal, wenn ich ein zerstörtes Haus fotografiere, denke ich an mein eigenes. Jedes Mal, wenn Tote und Verwundete aus den Trümmern geborgen werden, denke ich an meinen Vater und meine Geschwister.“ Es sind Bilder, die nur schwer zu ertragen sind und vor denen man fassungslos steht.

Krieg im Gazastreifen

Bild der Zerstörung: Schwarzer Rauch und Flammen über der Stadt Gaza. Foto: Ali Jadallah

Chili-Ziegel retten Mensch und Tier

Die Elefanten im Nebenraum sind nun frei – es kann weitergehen, wie ursprünglich geplant. Das zuvor auf dem Tablet gezeigte Foto gehört zur Serie „Die Elefantenflüsterer von Livingstone“ des britischen Fotografen Tommy Trenchard, der in Südafrika lebt. In der Region Livingstone in Sambia suchen Elefanten wegen ausbleibender Regenzeiten immer häufiger Nahrung in Siedlungen. Menschen wurden dabei bereits getötet. Ein ehrenamtliches „Elephant Response Team“ versucht, solche Konflikte zu verhindern, mit einer ungewöhnlichen Methode, „… den sogenannten Elephant-Bricks oder auch Chili-Bricks. Das sind Ziegel aus Elefantendung, Altöl und Chili. Werden die angezündet, entsteht ein stinkender Rauch, vor dem die Elefanten weglaufen“, erklärt Adina Miller.

World-Press-Photo-Ausstellung in Oldenburg bei Schule@Museum

Emma Heinrich erzählt die bewegende Geschichte hinter dem Foto von Florian Bachmeier. Foto: Daniela Krause

Ein kleines Mädchen im Ukraine-Krieg

Das letzte Foto, das von Emma Heinrich präsentiert wird, zeigt die sechsjährige Anhelina, ein durch den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine traumatisiertes Mädchen, das unter Panikattacken leidet, seitdem sie mit ihrer Familie aus ihrem Dorf fliehen musste. Sie liegt auf einem Bett und starrt an die Zimmerdecke, mit leerem Blick. Fotografiert wurde das Mädchen von dem deutschen Fotografen Florian Bachmeier unter dem Titel „Abseits der Schützengräben“. Emma Heinrich habe das Bild nicht gleich deuten können, aber ihre Mutter, die Erzieherin ist, verortete es richtig und habe ihr erklärt, welche Auswirkungen die durch den Krieg verursachten Angststörungen auf Kinder haben. Eines von vielen Bildern der World-Press-Photo-Ausstellung, welches die Schüler so schnell nicht vergessen werden.

World-Press-Photo-Ausstellung 2025

2026 ist die World-Press-Photo-Ausstellung im Landesmuseum für Kunst und Kultur zum elften Mal zu sehen. Gezeigt werden noch bis zum 15. März rund 150 preisgekrönte Aufnahmen des weltweit größten und wichtigsten Wettbewerbs für Pressefotografie. Ausgerichtet wird die Schau von der Medienagentur Mediavanti. Die Jury wählte die Siegerbilder unter knapp 60.000 Einreichungen von 3.778 Fotoreportern aus 141 Ländern aus. Begleitet wird die WPPA von der Sonderschau „The Everyday Projects“. Die Fotoprojekte verdeutlichen, wie sich Menschen weltweit für Natur- und Umweltschutz einsetzen.

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