Empowerment als Haltung und Angebot
Amrei Runte-Laue engagiert sich im Treffpunkt Sie(h)da in Stuhr-Brinkum als Vorsitzende des Fördervereins.
Von Daniela Krause
Amrei-Runte Laue verbrachte ihre Kindheit mit ihren Eltern und drei Geschwistern in Stuhr. Als sie nach einem Kommunikationsdesign-Studium und neun Jahren Marketing-Tätigkeit in Hamburg mit Babybauch zurück in ihre Heimat kam, sah sie sich dort mit alten Rollenklischees konfrontiert: „Der Mann geht zur Arbeit, die Frau bleibt zu Hause. Ich wollte nicht, dass meine Kinder mit solchen Stereotypen aufwachsen.“ Zu diesem Zeitpunkt war die Gleichstellungsbeauftragte der Gemeinde Stuhr Nicole Feldmann-Paske erst kurz im Amt, aber es gab bereits einen Ort für Empowerment und Begegnung von Frauen: den Treffpunkt Sie(h)da.
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Amrei Runte-Laues Mutter Patricia Veigel-Runte nahm ihre Tochter zu einer Mitgliederversammlung des Fördervereins mit. Eigentlich wollte die junge Frau erstmal nur zuhören. „Am Ende des Tages war ich Vorstandsmitglied“, erzählt sie. Heute ist sie 36 Jahre alt, erste Vorsitzende des Fördervereins und bildet zusammen mit der zweiten Vorsitzenden Alexandra Ahlborn und Schatzmeisterin Patricia Veigel-Runte den Vorstand. Den Gleichstellungstreffpunkt Sie(h)da der Gemeinde Stuhr für Frauen jeden Alters und kulturellen Hintergrunds gibt es seit 1997, der Förderverein wurde 2007 zur finanziellen und ideellen Unterstützung gegründet.
Ein Ort für alle Frauen und ihre Ideen
„Die Angebote im Treffpunkt sind niedrigschwellig und familienfreundlich“, sagt Amrei Runte-Laue. „Damit alle Frauen, auch in schwierigen Lebenssituationen, daran teilnehmen können. Das Programm, das im Treffpunkt Sie(h) da von der Gleichstellungsbeauftragten der Gemeinde Stuhr angeboten wird, ist sehr vielfältig. Ob berufliche Weiterentwicklung, Schwangerschaft und Geburt, Vorsorge und Vermögensaufbau, Gesundheit und Lebensfragen oder aktuelle politische Diskussionen – Frauen gehen dort in den Austausch zu ganz unterschiedlichen Themen, werden kreativ oder kommen in Bewegung. „Alle sind eingeladen, ihre Ideen einzubringen“, so Runte-Laue.

Der helle Vielzweckraum im Sie(h)da wird für unterschiedliche Gruppen und Veranstaltungen genutzt. Foto: Daniela Krause
Eigene Erfahrungen als Motivation
Die dreifache Mutter selbst hat im Treffpunkt Sie(h)da unter anderem eine Krabbelgruppe geleitet und die Gruppe „Elterntreffen ADHS, Autismus, Hochbegabung & Co.“ mitgegründet. Die Idee ging aus ihrer damaligen Tätigkeit als Regionalbeauftragte des Projektes „Elterntalk“ hervor, das Nicole Feldmann-Paske in der Gemeinde in Kooperation mit der Landesstelle für Jugendschutz Niedersachsen ermöglicht hat. Jeden ersten Mittwoch im Monat um 19 Uhr können Eltern und Betroffene beim Elterntreffen im geschützten Raum über ihre Erfahrungen sprechen. Amrei Runte-Laue ist „spätdiagnostizierte ADHSlerin“, hat ein autistisches und ein hochbegabtes Kind mit einer ADHS. Sie weiß also, wovon sie spricht. Es ist unter anderem der Frust über ein „veraltetes Schulsystem“, das neurodivergente Kinder nicht einplant, aber auch über fehlendes Fachpersonal an den Schulen, der immer wieder zur Sprache kommt.
Spagat zwischen Arbeit, Care-Arbeit und Haushalt
Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist ein großes Thema, das Frauen im Treffpunkt Sie(h) da beschäftigt. Seien es fehlende verlässliche Betreuungszeiten oder der Spagat zwischen Arbeit, Care-Arbeit und Haushalt bei dem kaum Zeit für die Selbstfürsorge bleibt. „Mein Mann und ich teilen uns auf. Aber es gibt viele Familien, in denen es nicht so ist“, hat Amrei Runte-Laue beobachtet. „Selbst wenn der Job der Frau theoretisch besser ist, wird gar nicht darüber diskutiert, ob die Frau mehr arbeiten gehen und der Mann dafür seine Arbeitszeit reduzieren könnte.“ Im Treffpunkt wurden schon Gespräche mit Arbeitgebern geführt, wie man mit Teilzeit besser umgehen kann. „Oft ist da aber leider immer noch kein Verständnis, und es bedarf weiterhin der Diskussion.“

Amrei Runte-Laue (l.) und ihre Mutter Patricia Veigel-Runte mit einem Aktionsplakat des Hilfetelefons Gewalt gegen Frauen. Foto: Daniela Krause
Sichere Orte für marginalisierte Menschen
Genauso wird Amrei-Runte Laue niemals müde, Interessierten zu erklären, warum es den Treffpunkt Sie(h) da gibt und wieso es für marginalisierte Menschen wichtig ist, sichere Orte wie diese zu haben. Der Begriff Marginalisierung meint die Verdrängung von Einzelpersonen oder Bevölkerungsgruppen an den Rand einer Gesellschaft. Sie wirkt sich auf deren Vertretung und Sichtbarkeit, Zugänge, Positionen, Einflussmöglichkeiten und insgesamt ihre Gleichberechtigung aus. Marginalisierung wird auch als soziale Ausgrenzung oder Benachteiligung bezeichnet. Sie zeigt sich zum Beispiel in Politik, Arbeitsleben und Bildung (Quelle: Bündnis „Gemeinsam gegen Sexismus“).
Erfahrungen mit übergriffigen Männern
„Ich kenne keine Frau, die im Dunkeln gerne durch die Gegend läuft. Im Idealfall verabreden wir uns miteinander oder schreiben uns später Nachrichten, damit wir wissen: Die andere ist gut angekommen. Wir bauen uns immer Sicherheitsnetze.“ Es gebe so viele Themen, die sie wütend und fassungslos machen, „wo ich versuchen muss, nicht in eine Schockstarre zu geraten, die aber dringend weiter Thema sein müssen.“ „Catcalling“ ist eines davon. „Es kann nicht sein, dass ein Mädchen in der Schule an Jungs vorbeigeht und laut mit Zahlen bewertet wird oder dass man ungefragt angefasst wird“, sagt Runte-Laue, die selbst mehrmals mit übergriffigen Männern zu tun hatte. „Wohlgemerkt waren es hauptsächlich Männer ohne Migrationshintergrund“, betont sie.
Gemeinsame Aktionen gegen Gewalt an Frauen
Seit es den Treffpunkt Sie(h)da gibt, hat es immer wieder gemeinsame Aktionen zu Gewalt gegen Frauen gegeben. Eine fand am Internationalen Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen, dem 25. November 2025, statt. Am Rathaus der Gemeinde Stuhr wurde zu diesem Anlass die Fahne von UN-Women „Nein zu Gewalt gegen Frauen“ gehisst, und es gab eine Aktion mit der Bäckerinnung: „Gewalt kommt nicht in die Tüte“. Mit der VHS, der Gleichstellungsbeauftragten und der Beratungsstelle für Frauen wurden Vorträge auf die Beine gestellt, um das Bewusstsein für dieses wichtige Thema weiter zu stärken. Gewalt hat viele Gesichter: häusliche Gewalt, Femizide, Mobbing (emotionale Gewalt), Gewalt in der Schwangerschaft und unter der Geburt – um nur einige zu nennen.

Zur Ausstattung des Bewegungsraums im Sie(h)da gehören auch sogenannte Diversity-Puppen mit unterschiedlichen Hautfarben, aber auch welche mit Cochlea-Implantat. Foto: Daniela Krause
Empowerment ist das Schlüsselwort
Amrei Runte-Laue ist es wichtig, dass Menschenrechte gesehen werden, dass sie für jede Person jeder Altersgruppe gelten. „Empowerment“ ist für sie das Schlüsselwort: Dieses zielt per Definition darauf ab, Menschen, die struktureller Ungleichheit ausgesetzt sind – sei es aufgrund von Geschlecht, sexueller Orientierung, sozialer Schicht oder ethnischer Zugehörigkeit – die Möglichkeit zu geben, ihre eigene Entscheidungsmacht und Handlungsfähigkeit zu erkennen und zu stärken. Dafür gibt es die vielfältigen Angebote im Sie(h)da. 2026 soll es beispielsweise erneut Selbstverteidigungskurse geben – diesmal nicht nur für Mädchen, sondern für unterschiedliche Altersgruppen und speziell für geflüchtete Frauen, in Zusammenarbeit mit der Kampfkunstschule „Pa Kua“.
Hilfe annehmen dürfen
Nach einem solchen Kurs können sich Frauen im Idealfall verteidigen und für sich selbst einstehen. Aber es gibt auch Momente im Leben, in denen man auf die Hilfe anderer angewiesen ist. Amrei Runte-Laue erzählt von ihrer eigenen traumatischen Geburtserfahrung: „Nach einer Not-OP habe ich viel Blut verloren und benötigte eine Bluttransfusion. Erst hatte ich trotz Empfehlung des medizinischen Personals Zweifel, ob das wirklich nötig sei, habe dann aber Ja gesagt. Im Nachhinein habe ich von vielen Frauen gehört, die dasselbe erlebt haben und sich gegen eine Bluttransfusion entschieden haben, mit der Begründung, sie müssten das als Frau selbst schaffen und stark sein, weil das der Anspruch ist, den die Gesellschaft an sie hat. Aber es ist doch keine Schwäche, um Hilfe zu bitten. Noch dazu, wenn man sie dringend braucht.“
Solidarisch und feministisch
Amrei Runte-Laue ist es ein Anliegen, sich weiter mit Energie für die Gleichstellung einzusetzen und für unterschiedliche Angebote als Kontaktperson zur Verfügung zu stehen. „Ich bin Feministin“, sagt sie. „Bei allen Themen, die ich vertrete, geht es mir darum, dass wir miteinander solidarisch sind, dass wir Menschen eine Chance geben, dass Menschen individuell sein dürfen und dass wir eine Möglichkeit finden, gemeinsam leben zu können, ohne strukturell benachteiligt zu sein, ohne jemanden auszuschließen oder abzuwerten.“ Die Förderverein-Vorsitzende wünscht sich, dass sich in Zukunft auch mehr junge Frauen für Sie(h) da engagieren. „Es ist eine Chance, etwas zu verändern. Alle bringen andere Möglichkeiten mit, und zusammen können wir daraus etwas noch Tolleres gestalten.“
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Ulf Buschmann
Torsten Kropp