Der 26. April

Vor 40 Jahren explodierte Reaktor 4 des Atomkraftwerks im ukrainischen Tschernobyl. Unser Autor erinnert sich noch ziemlich genau daran, was er an diesem 26. April 1986 tat – Buschmanns Kosmos, leicht radioaktiv verseucht.

Von Ulf Buschmann

Am 26. April 1986 war ein gewöhnlicher Markttag in Vegesack. Die Menschen kauften Obst, Gemüse, Eier und Blumen. Doch eine Woche später war alles anders. Der Grund lag 1.800 Kilometer östlich, in Tschernobyl, Ukraine. Dort explodierte um 2.13 Uhr der Reaktor 4. Gewaltige Mengen Radioaktivität gelangten in die Atmosphäre und der Wind trug die verseuchten Wolken nach Westen. Die Behörden warnten vor selbst angebautem Obst und Gemüse, Spielplätze wurden gesperrt. Die Menschen waren besorgt, einige gerieten in Panik.

Als ich die Nachrichten im Radio hörte, wurde mir mulmig. Der größte anzunehmende Unfall, kurz GAU, war eingetreten, vor dem Wissenschaftler seit Jahrzehnten gewarnt hatten. Die Bundesregierung unter Kanzler Helmut Kohl (CDU) betonte, dass deutsche Kernkraftwerke sicher seien und niemand sich Sorgen machen müsse. Für die Christdemokraten und ihren Koalitionspartner FDP gab es keinen Grund aus der Atomkraft auszusteigen.

Immerhin reagierte die Regierung. Noch im selben Jahr gründete sie das Bundesumweltministerium. Drei Jahre später folgte das Bundesamt für Strahlenschutz. Zudem entstand das „Integrierte Mess- und Informationssystem“ (IMIS) mit 1.700 Überwachungssonden, das alle Messdaten zur Umweltradioaktivität sammelt und auswertet – auch im Kriegsfall. Inzwischen ist Deutschland aus der Atomkraft ausgestiegen.

Tschernobyl: Folgen bis in die Gegenwart

Tschernobyl wirkt bis heute nach. Viele Kinder erkrankten nach dem GAU an Schilddrüsenkrebs. Bei meinem ersten Besuch in Belarus im November 1991 sah ich die riesigen Tumoren am Hals der Kinder, teilweise so groß wie Straußeneier. Die Kinder waren ausgemergelt, ihre Überlebenschancen minimal. Ich besuchte auch die evakuierten Dörfer innerhalb der 30-Kilometer-Evakuierungszone um das Kernkraftwerk. Die Menschen, die ihr Zuhause verlassen mussten und deren Kinder trotzdem erkrankten, traf ich in Drushni, südlich von Minsk. Ironischerweise gehörte diese Siedlung ursprünglich zur Infrastruktur eines geplanten Kernkraftwerks.

In vielen Ländern der ehemaligen Sowjetunion sind Reaktoren des gleichen Typs noch in Betrieb, laut einer Liste der Internationalen Atomenergiebehörde in Russland, der Ukraine und Litauen. Selbst in Tschernobyl sind die Blöcke 5 und 6 noch am Netz. Gleiches gilt für das Atomkraftwerk Ignalina in der litauischen Stadt Visaginas, nur zehn Kilometer von der belarussischen Grenze entfernt.

Tschernobyl und der Ukrainekrieg

Was bis 2022 undenkbar schien, ist eingetreten. Eine russische Drohne beschädigte die Schutzhülle des Kernkraftwerks Tschernobyl, die Milliarden von Euro gekostet hatte. Im Ukrainekrieg nutzt Russland die Gefahren der Atomkraft aus, ohne Rücksicht auf eigene Soldaten. Zu Beginn des Krieges versuchten russische Truppen, von Belarus aus durch die atomar verseuchte Zone nach Kiew vorzustoßen. Experten vermuten, dass einige Soldaten inzwischen an Strahlenkrankheit gestorben sind.

Doch nicht nur Tschernobyl spielt im Ukrainekrieg eine Rolle. Seit Beginn des Krieges steht das Kernkraftwerk Saporischschja im Süden des Landes im Fokus. Es ist seit 2022 von russischen Truppen besetzt und es kommt immer wieder zu Störungen. Ein zweites Tschernobyl wäre katastrophal.