Wer geht, sieht mehr: Bremen in zwölf Spaziergängen
Braucht es als Einheimischer einen Reiseführer für die eigene Stadt? Bei „Zu Fuß durch Bremen – 12 Spaziergänge“ lautet die Antwort ganz klar: ja.
Von Daniela Krause
Bremen zu Fuß erkunden, klingt zunächst nach einer Einladung für Touristen. Doch „Zu Fuß durch Bremen – 12 Spaziergänge“ von Lena Häfermann zeigt, dass auch Einheimische ihre Stadt neu entdecken können. Die Autorin führt auf zwölf Routen durch bekannte Viertel und an Orte, die im Alltag leicht übersehen werden. Herausgepickt für einen Spaziergang haben wir uns Findorff, einen Stadtteil, in dem wir selbst einige Jahre gelebt haben und den wir gut zu kennen glauben. Gerade dort hat die Tour mit dem Buch den Blick noch einmal geschärft – für Details, Sehenswürdigkeiten und die kleinen Geschichten am Wegesrand.
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Angekommen am Findorffer Torfhafen lassen wir den Drahtesel getrost stehen. Ab jetzt geht es zu Fuß weiter, und dank einer Kurzübersicht wissen wir, dass der Spaziergang etwa 2,5 Stunden dauern und uns wieder zum Ausgangspunkt führen wird. Eine kleine Karte und die Beschreibungen weisen uns den Weg und markieren die Punkte, an denen es sich lohnt, genauer hinzuschauen oder etwas länger zu verweilen.

Der Torfkanal schmiegt sich an den idylllischen Bürgerpark. Foto: Daniela Krause
Geschichte des Findorffer Torfhafens
Der Findorffer Torfhafen, an dem unser Rundgang beginnt, entstand 1873 entlang der heutigen Neukirchstraße und reichte ursprünglich bis zur Hemmstraße. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts war er ein zentraler Umschlagplatz für Torf: Rund 30.000 Kähne legten hier jedes Jahr an, beladen mit dem mühsam gestochenen Brennmaterial aus dem Teufelsmoor, das damals in Bremen die wichtigste Heizquelle war. Als die Nachfrage nach Torf zurückging, wurde ein Teil des Hafens zugeschüttet. Schmunzeln müssen wir über den Begriff „Enten-Wendebecken“, wie der verwahrloste, verbliebene Teil des Beckens laut Lena Häfermann früher genannt wurde. Heute liegen im sanierten Hafen wieder Torfkähne. Es handelt sich um originalgetreue Nachbildungen, mit denen man von April bis Oktober Ausflugsfahrten unternehmen kann.

Ob dieser hölzerne Herr wohl alle Plätze auf dem Rundgang durch Findorff kennt? Foto: Daniela Krause
Auf den Spuren des Moorkommissars
Wir wandern am Torfkanal entlang und machen kleine Abstecher in die Wohnstraßen mit ihren hübschen, bunten Häuschen, vor denen hier und da Verschenke-Kisten stehen. Zwischendurch lesen wir auf Seite 99 etwas über die Namensgebung des Stadtteils und erfahren, dass dieser nach Jürgen Christian Findorff (1720-1792) benannt ist. Der „Moorkommissar“ oder auch „Vadder Findorff“ ließ die Moore zwischen Wümme und Hamme vermessen, entwässern und kanalisieren, heißt es im grünen Infokasten. Interessant! Woher Findorff seinen Namen hat – darüber haben wir uns bisher keine Gedanken gemacht. Wieder was gelernt!

Bunkerkunst lässt sich in der Neukirchstraße bewundern. Foto: Daniela Krause
Von den Bunkern auf die Bummelmeile
In der Neukirchstraße erwartet uns die nächste Überraschung: Dort befinden sich gleich drei Bunker, die dem Vorbeigehenden durch ihre zum Teil kunstvoll bemalten Wände ins Auge fallen. Die Malereien erzählen unter anderem die Geschichte des Torfhafens und der Kleinbahn „Jan Reiners“. Über die Eickedorfer Straße spazieren wir weiter in die Hemmstraße, „die Bummelmeile“ des Stadtteils, wie im Reiseführer zu lesen ist. Hier gibt es viele kleine inhabergeführte Lädchen, Cafés und Restaurants, darunter das Findorffer Käsekontor, die Lilie, das Findorffer Bücherfenster und Sieben Sachen Findorff.

So viel Zeit muss sein: Bei Cercena machen wir eiskalt Pause. Foto: Daniela Krause
Ein Kissen für einen Riesen
Zielstrebig steuern wir das Eiscafé Cercena an und gönnen uns eine Waffel mit zwei Kugeln: Zitrone und Melone. Laufen macht schließlich hungrig und Eis geht immer. Weiter geht es in die Ansbacher Straße. Kaum um die Ecke gebogen, fällt der Blick auf ein kleines öffentliches Bücherhäuschen, das erst einmal inspiziert werden muss. In der Münchener Straße kommen wir an der Villa Kunterbunt vorbei, wo wir mit den Kindern bereits essen waren, am DorffLaden, wo es Bio-Produkte und Unverpacktes zu kaufen gibt, und der KlimaZone Findorff. Am Riesenbronzekissen an der Gabelung Münchener Straße/Hemmstraße sind wir mehrfach vorbeigeradelt, haben es uns aber noch nie aus der Nähe angesehen. So wussten wir nicht, dass es sich um eine Skulptur von Thomas Recker handelt, die für die „gute Stube Findorffs“ steht und auf der Alltagserlebnisse von Anwohnern verewigt sind.

In Bücherschränken wie diesem findet man die nächste Lektüre. Foto: Daniela Krause
Schatz auf Schienen: die Lokomotive
Ein weiterer bekannter Hingucker im Findorffer Ortskern darf bei diesem Spaziergang natürlich nicht fehlen: die schwarz-rote Lokomotive, die umgeben von Bäumen auf einem Podest thront. Im Buch geht Lena Häfermann näher auf die Geschichte der Schmalspurbahn ein, die 1900 lostuckerte. Damals gab es Personen-, Gepäck-, Post- und Güterwagen und ein reges Interesse an der Strecke, die von Bremen über Lilienthal, Moorhausen, Falkenberg und Trupermoor nach Worphausen, Wörsdorf, Grasberg, Eickedorf und Tüschendorf bis nach Tarmstedt führte. Wir löse uns von dem schmucken Gefährt und lassen uns durch verschiedene Wohnstraßen zurück zum Torfhafen lotsen.

Die Findorffer Geschichte ist untrennbar mit der Schmalspurbahn verbunden. Foto: Daniela Krause
Unser Fazit
Auch wenn man glaubt einen Stadtteil schon in- und auswendig zu kennen, lässt sich doch immer noch etwas Überraschendes entdecken. Ob Findorff oder ein anderes Bremer Viertel wie Woltmershausen, Gröpelingen oder Burglesum – dieses Buch ist dabei ein lohnender Begleiter. „Zu Fuß durch Bremen – 12 Spaziergänge“ ist im Droste Verlag erschienen und kostet 16 Euro.
Interview mit Autorin Lena Häfermann
Frau Häfermann. welcher Ort in Bremen ist Ihr Lieblingsort und warum?
Puh, das ist eine äußerst schwierige Frage! Bremen ist für mich an so vielen Ecken ein Lieblingsort – sozusagen ein einziger großer Lieblingsort. Müsste ich mich entscheiden, würde ich sagen: die Bremer Neustadt. Das ist einfach meine Herzensheimat. Festgemacht an einem Ort: die Pappelstraße. Hier kennt und trifft man sich, kaffeesiert, kauft ein, plaudert.
Was hat Bremen, was andere Städte nicht haben?
Bremen ist gemütlich und trotzdem urban, vieles lässt sich zu Fuß erreichen. Die Menschen sind freundlich, selten aufdringlich, wunderbar norddeutsch.

Lena Häfermann liebt es, zu Fuß durch Bremen zu gehen und Neues zu entdecken. Foto: privat
Was für einen Ort, den es bislang nicht gibt, wünschen Sie sich für Bremen?
Auch wieder schwierig. Ich finde Bremen ja schon ziemlich perfekt. Aber früher gab es auf dem Dach von Galeria Kaufhof eine sommerliche Rooftopbar mit aufgeschüttetem Sand. Das fand ich toll. Jetzt gibt es, glaube ich, nur eine Rooftopbar, in der man Mitglied sein muss. Wenn ich also einen Wunsch frei hätte: eine weit oben gelegene Panoramabar, geöffnet für Alle, gern mit Preisen für Alle.
Welche Plätze in Bremen inspirieren Sie am meisten für Ihre Krimis?
Ich mag es, wenn meine Geschichten an ganz bremischen Orten spielen, zum Beispiel am Hafen, in einer Altbremer Villa, am Weserufer. So können meine Leserinnen und Leser richtig in die Handlung eintauchen und gedanklich durch Bremen spazieren.

Ein verwunschener Ort: die Werftinsel in Gröpelingen. Foto: privat
In welcher ungewöhnlichen Location möchten Sie mal eine Lesung haben?
In meinem aktuellen Krimi „Tödliches Bukett“ geht es um einen Mordfall, der während einer Weinprobe geschieht. Ich fänd‘ eine Lesung in einer Weinhandlung dazu super!
Mit welchem Promi würden Sie in Bremen gerne einen Spaziergang machen und wohin?
Ich würde sehr gern David Safier kennenlernen. Vielleicht verrät er mir sogar ein paar Tipps! Wir könnten ganz klassisch durch den Bürgerpark spazieren und anschließend im Emma am See zum Kaffeesieren einkehren. Oder wir schlendern am Osterdeich entlang und gönnen uns irgendwo ein Bierchen.

Die Delmestraße in der Neustadt. Foto: privat
Welches Buch sollte man als Bremer unbedingt lesen?
Meine Bücher am besten, hihi! Aber mal im Ernst: Die Verlagswelt sagt meinen Kolleg:innen und mir immer wieder, dass Bremen ein schlechter Markt ist. Es ist nicht leicht, einen Bremer Roman bei einem großen Verlag zu platzieren. Daher kann ich nur appellieren: Kauft und lest Bücher von Bremer Autor:innen, die hier vor Ort spielen, und lasst uns das Gegenteil beweisen.
Kaffee oder Tee?
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Vielen Dank. Warum wir so gerne Kaffee trinken erfahren Sie hier.



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