Sauber gelutschter Schlick

Seit zwölf Jahren zieht es Peter Seer fast täglich hinaus aufs Watt. Wir haben den „Wattenpeter“ bei einer Wanderung begleitet.

Von Daniela Krause

Peter Seer, der

Peter Seer kennt das Watt wie seine Westentasche. Fotos: Daniela Krause

Von Weitem ist „Wattenpeter“ an seiner leuchtendroten Mütze und der vierzackigen Spatengabel zu erkennen. Der staatlich geprüfte Wattwanderer leitet an diesem Tag eine Wanderung an der Wurster Nordseeküste bei Dorum-Neufeld. Um ihn herum scharen sich in kleinen Gruppen die 25 Teilnehmer. Mit der Spatengabel hebt Peter Seer behutsam den Schlick um. Ein Junge schaut ihm gespannt dabei zu. „Da ist einer!“, ruft er und zeigt auf den Wattboden. Tatsächlich: Im Schlick bewegt sich ein etwa zehn Zentimeter langer Wattwurm. Vorsichtig nimmt der Wattführer den Wurm auf die Hand und geht damit herum.

Dieser gehört zu den kleineren Exemplaren. Bis zu 20 Zentimeter lang und fingerdick können sie werden. „Der Wurm besteht aus mehreren Ringmuskeln. Im Notfall kann er das Schwanzstück abtrennen. So steht er anderen Wattbewohnern mehrfach als Futter zur Verfügung – das ist Nachhaltigkeit pur“, sagt Peter Seer zu den staunenden Gästen. „Die Spaghettihäufchen, die ihr überall seht, sind übrigens kein Kot, sondern sauber gelutschter Schlick. Das ist ungefähr so, wie wenn du einen Kieselstein ablutschen würdest“, wendet sich „Wattenpeter“ an den grinsenden Jungen. „Genau das macht der Wattwurm mit dem Sand. Auf diese Weise filtert er rund 25 Kilogramm Sand im Jahr.“

Wattwurm

Wattwürmer bekommt man eher selten zu Gesicht, meist sieht man nur ihre Spaghettihäufchen.

Liebe zum Watt zum Beruf gemacht

Wir lassen den Wurm wieder frei und setzen unsere Wanderung fort. Peter Seer macht diese Touren seit zwölf Jahren. Er stammt aus der Lüneburger Heide, lebt aber seit 47 Jahren an der Wurster Nordseeküste. Wenn er von den Gästen gefragt wird, warum er das tut, antwortet er: „Da ist eine ganz große Liebe zum Watt. Bei jedem Gang genieße ich die Ruhe und Entschleunigung.“ Seine Frau arbeitet in der Touristikbranche. „Sie hat mich damals dazu überredet, Gäste aufs Watt mitzunehmen. Das hat mir so gut gefallen, dass ich meine Passion zum Beruf gemacht habe.“

Besondere Freude macht ihm sein Job, wenn die Gäste echtes Interesse zeigen. So wie Kirstin Herrmann: Sie ist mit ihrem Mann, ihren zwei Kindern und Labrador Gerrit aus Stuttgart für einen Urlaub an die Nordseeküste gekommen. „Wie weit kann man hier rauslaufen?“, fragt sie. Gerade mit Kindern möchte sie kein Risiko eingehen. Doch Peter Seer beruhigt: „Bis zu zwei Kilometer weit kann man bedenkenlos gehen. Das funktioniert aber nur hier an der Wurster Nordseeküste. Dank einer langen, leicht geneigten Ebene ohne Priel dazwischen kommen von dem 3,60 Meter hohen Flutberg bei normalem Wind nur etwa 60 Zentimeter bei uns an.“ Anderswo sei so eine Wanderung zu gefährlich.

Die Kinderstube der Nordseekrabben

Vor Cuxhaven gebe es wöchentlich mehrere Rettungseinsätze. „Die Menschen unterschätzen die starke Strömung in den Prielen“, warnt Peter Seer. „Wo sich das Wasser ins Watt gräbt, kann man tief einsinken.“ Eine zweite Gefahr sei der Irrglaube, dass die Flut nur von vorne komme. „Das Wasser kommt auch von der Seite“, so der Wattexperte. Er rät deshalb dazu, niemals alleine ins Watt zu laufen und sich immer nach dem Gezeiten- oder Tidenkalender zu richten. Man sollte sich an einem festen Punkt an Land orientieren, um später gut den Rückweg zu finden. Muschelbänke sollte man meiden, damit man sich nicht an den scharfkantigen Schalen verletzt. Bei Sturm, Gewitter, Nebel oder Starkregen sei eine Wattwanderung tabu. „Auch wenn es kein schlechtes Wetter gibt, nur unpassende Kleidung.“

Während wir dem Wasser entgegengehen, verändert sich die Beschaffenheit des Bodens: Es wird glitschig. „Schließlich wollen wir ein bisschen Spaß haben“, meint Peter Seer lachend. Sein starker Arm gibt Halt, sonst wäre die Reporterin samt Kamera Schlick-Baden gegangen. An einem Priel kommen wir zum Stehen. Mit Kescher und Dose fischt „Wattenpeter“ im Wasser herum. Wenig später präsentiert er uns einen Esslöffel, auf dem winzige Garnelen schwimmen. „Irgendwann landen die als Nordseekrabben auf einem Brötchen. Hier ist ihre Kinderstube.“

Das Watt als Schlaraffenland

Im Watt gibt es aber noch viel mehr zu entdecken: Schnecken, die gerade mal vier Millimeter groß sind. „Etwa 50.000 Mal ist die gemeine Wattschnecke auf einem Quadratmeter Watt zu finden“, erklärt Peter Seer. Ebbe und Flut verändern den Boden ständig. „Bis zu zwei Millionen Tiere leben in und von einem Quadratmeter Watt. Ein echtes Schlaraffenland!“ Aber wie kommen die Vögel an die Leckereien?

Er lädt uns zu einem Experiment ein: Wir stellen unsere Füße nebeneinander auf den leicht von Wasser bedeckten Wattboden. „Jetzt trampelt mal los.“ Mit ihren gleichmäßigen Fußbewegungen lockern Simone Schaak und Uwe Pätzold den Boden auf. Zum Vorschein kommen geschlossene Muscheln, deren Alter Peter Seer anhand ihrer Kalkringe bestimmen kann – wie bei den Jahresringen eines Baumes. Alle Muscheln werden eingesammelt und vor den Gästen auf den Wattboden gelegt. Jetzt heißt es kurz warten. „Schau, da bewegt sich was“, sagt Simone Schaak zu ihrem Begleiter. Die Herzmuschel hat sich leicht geöffnet und etwas Rosafarbenes blitzt hervor: Der Grabefuß, mit dem sich das Tier langsam in den weichen Schlick ruckelt.

Während wir die Muscheln beobachten, denen es offensichtlich auch zu heiß ist, umspült das Meer von hinten unsere Beine. „Achtung, das Wasser kommt!“, ruft unser Wattführer denn auch. Und schwupps sind die Muscheln weg. Die Gruppe lässt es sich nicht nehmen, dem ansteigenden Wasser noch ein Stück weit entgegenzugehen. Labrador Gerrit genießt sichtlich die Abkühlung bei rund 32 Grad Sommerhitze. Durch den großen Priel fährt das erste Schiff wieder Richtung Hafen. Zeit, uns auf den Rückweg zu machen.

Strandkrabbe

Peter Seer zeigt den Gästen der Wattwanderung eine Strandkrabbe.

Leuchtturm und Bienenkorb

Einen besonderen Wattbewohner möchte uns Peter Seer nicht vorenthalten: die Strandkrabbe oder wie er sagt: „Der Ranger im Watt“, der nur seitwärts laufen kann. Er findet sogar einen Doppeldecker und erklärt uns den „kleinen, aber feinen Unterschied“. Dazu dreht er die Krabben auf den Rücken. Auf der ungeschützten Seite kann man deutlich ein Muster erkennen. „Beim Männchen ist das der Leuchtturm und beim Weibchen der Bienenkorb“, erläutert unser Wattführer.

Wenn die Paarung erfolgreich war, trägt die weibliche Strandkrabbe etwa vier Wochen lang bis zu 200.000 Babys mit sich herum. „Eine frisch geschlüpfte Strandkrabbe ist stecknadelspitzengroß.“ Als Zooplankton schweben die Tierchen im Wasser – die meisten von ihnen landen in der Nahrungskette. Erst ab einer Größe von zwei bis drei Millimetern werden sie zu Bodenläufern.

Platzt der Panzer irgendwann aus allen Nähten, häuten sich die Tiere, dabei kann schon mal versehentlich ein Bein abreißen. Das wächst wieder nach, genauso wie die Respekt einflößenden Scheren, mit denen sie Muscheln in ihrer eigenen Körpergröße knacken können. „Spielen sollte man mit den Tieren also lieber nicht“, mahnt Seer, als er die Krebse in der Gruppe herumzeigt. „Die können piercen.“ Deshalb lässt er sie lieber schnell weiterkrabbeln.

Wie eine Fußmassage

Während der Strand immer näher kommt, erzählt Stefanie Zerres, warum sie sich die heutige Tour gegönnt hat: „Ich wollte so gerne ins Watt. Alleine traue ich mich aber nicht so weit raus, weil das Wasser schnell wieder da sein kann.“ Da kam ihr die geführte Wanderung wie gerufen. Die Kölnerin könnte noch stundenlang auf dem Meeresgrund spazieren gehen. „Das fühlt sich an wie eine schöne Fußmassage“, findet sie. Am Ende der Führung hat sie viel gelernt. „Besonders über die vielen Tiere im Watt.“

Diese biologische Vielfalt ist es auch, die für Peter Seer den Nationalpark Wattenmeer so einzigartig macht: „Er gehört zum UNESCO Weltnaturerbe“, erklärt er. „Damit steht er auf einer Stufe mit dem Grand Canyon oder dem Great Barrier Reef.“ Bis zu 80 Prozent aller Nordseefische, die Schollen, wachsen hier auf. Zweimal im Jahr ist die Nordsee außerdem die Drehscheibe für um die zehn Millionen Zugvögel. „Das sind nur einige von vielen Gründen, warum wir diesen wichtigen Lebensraum schützen müssen.“

Wattwanderung

Die Wattwanderer treffen auf das Meer.

Mehr Watt

Auf seiner Webseite hat Peter Seer eine Reihe an nützlichen Daten und Fakten über das Wattenmeer zusammengestellt. Dort werden auch die aktuellen Termine für die Wattwanderungen veröffentlicht. Selbst im Winter finden diese statt. Seit 2011 ist Peter Seer Mitglied der Wattführergemeinschaft Niedersächsische Nordseeküste und wird auf deren Homepage mit über 100 staatlich geprüften Wattführern gelistet. Den Gezeitenkalender für die gesamte deutsche Nordseeküste gibt es auf der Seite des Bundesamts für Schifffahrt und Hydrographie. Für weiterführende Informationen rund ums Watt lohnt sich ein Besuch des Nationalpark-Hauses Wurster Nordseeküste.

Lesen Sie hier einen Artikel zum Thema Küstenschutz auf Nord West Reportagen.