Die ersten 100 Löffel heimlich geschnitzt

Ute Ihlenfeldt hat vor etwa 20 Jahren das Löffelschnitzen für sich entdeckt. Das Kunsthandwerk ist für die ehemalige freischaffende Künstlerin wie Meditation.

Von Daniela Krause

Stürme sind genau das richtige Wetter für Ute Ihlenfeldt. Denn nach einem Sturm findet sie eines in Hülle und Fülle: frisches Holz für ihr Kunsthandwerk, das Löffelschnitzen. Am liebsten ist die Bremerin mit dem Fahrrad unterwegs – eine Handsäge hat sie immer dabei. Wird irgendwo ein Baum gefällt und sie bekommt Wind davon, ist sie gleich zur Stelle. Aber auch Freunde und Bekannte versorgen sie regelmäßig mit Nachschub.

Aus dem Kleingarten Marienblume im Bremen hat sie einen dicken Stamm Kornelkirsche bekommen. „Dieses Holz hatte ich noch nie.“ Und aus Wittenmoor gab es einen guten Vorrat an Ulme und Vogelbeere. „Ich habe meistens mehr Holz als ich verarbeiten kann“, sagt Ute Ihlenfeldt. Ihre eigene Obstbaumwiese im Teufelsmoor liefert immer wieder frisches Material für ihr liebstes Hobby. Für die Marketing-Frau einer Carsharing-Firma ist daraus mittlerweile ein schöner Nebenerwerb gewachsen.

Ute Ihlenfeldt auf ihrem Schnitzpferd

Voll konzentriert: Auf ihrem selbstgebauten Schnitzpferd geht es ans Werk. Foto: Daniela Krause

Workshops in England

Ihre ersten 100 Löffel schnitzte die ehemalige Bildhauerin und freischaffende Künstlerin „heimlich“, wie sie sagt. Vor etwa 20 Jahren keimte diese neue Leidenschaft auf: Sie besuchte Workshops in England, verbesserte dort ihre Technik und nahm viele Anregungen mit nach Deutschland.

Irgendwann wuchs der Mut, die Löffel nicht mehr nur im stillen Kämmerlein zu fertigen. „Anfangs war es für mich etwas ganz Intimes. Es musste sich erst entwickeln, dann hat es sich verselbstständigt“, erzählt Ute Ihlenfeldt. Mittlerweile stellt sie ihre Löffel in offenen Ateliers in der Neustadt und im Viertel zur Schau. Einen Teil verkauft sie über die Produzentengalerie „raum Handwerk & Design“ in Bremen. Bis Ende März kann man ihre Löffel dort noch erwerben. „In den Sommermonaten werden dort Erdbeeren und Spargel verkauft. Ab September gibt es dann wieder Kunsthandwerkprodukte zu kaufen“, so Ihlenfeldt.

Die Axt ist tabu

Bis dahin hat sie jede Menge Zeit für die Produktion: „Einen Löffel zu schnitzen fühlt sich so gut an, dass ich es inzwischen ständig tue. Außerdem erkläre ich anderen gerne, wie es funktioniert“, sagt sie. Vor allem Kinder seien ein sehr interessiertes Publikum. Auf Ute Ihlenfeldts selbstgebautem Schnitzpferd dürfen diese einen Stock einspannen und bearbeiten. „Dann haben die Eltern eine Zeit lang Ruhe und die Kinder sind mit Feuereifer dabei.“

Die Axt bleibt jedoch für alle Gäste tabu: „Die ist unfassbar scharf“, weiß Ihlenfeldt, deren Hände von feinen Narben gezeichnet sind. „Ich selbst schneide mich ziemlich oft – mit der Axt oder den Messern. Das gehört dazu.“ Es liegt ihr sehr am Herzen, bei dieser alten Handwerkstechnik ohne elektrische Geräte auszukommen. Im Grunde braucht man nicht viel: Mit einer Axt, einem Schnitzmesser und einem Löffelmesser ist man für den Anfang gut ausgestattet. Sogar den Griff ihrer Axt hat sie selbst angefertigt, damit das Werkzeug beim Arbeiten besser in der Hand liegt.

Werkzeuge zum Löffelschitzen

Mit diesen Werkzeugen und viel Kraft und Ausdauer werden aus Holzrohlingen Löffel für den täglichen Gebrauch. Foto: Daniela Krause

Der Duft von Kirschholz

„Holz ist ein wunderbares Material mit einem gewissen Widerstand“, erklärt Ute Ihlenfeldt. „Frisches Holz lässt sich sehr gut verarbeiten, und es duftet so gut.“ Am liebsten hat sie Kirschholz unter dem Schnitzmesser. „Ich finde, das riecht so schön nach Bittermandel.“

Vogelbeere habe eine besonders hübsche Maserung. „Generell mag ich alle Hölzer sehr gerne, an denen eine Frucht hängt“: Walnuss und Apfel zum Beispiel, aber auch Zwetschge und Mirabelle, wobei letzteres Holz härter und daher anstrengender zu schnitzen sei. Besonders reizvoll im Endergebnis und auch bei den Kunden sehr gefragt sei mehrfarbiges Material.

„Ahorn, Kastanie und Linde lassen sich zwar recht gut schnitzen, haben aber nicht so eine aufregende Maserung“, erklärt Ute Ihlenfeldt. Aus dem Birkenholz, das sie im Teufelsmoor gesammelt hat, schnitzt die Bremerin mit Vorliebe Kleiderhaken und kleine Salzlöffel.

Die groben Arbeiten verrichtet sie, wenn es die Witterung zulässt, auf ihrer Wiese, das Feine anschließend zu Hause in der Neustadt oder bei Freunden, wo sie ein Schnitzpferd deponieren darf.

Löffel schnitzen

Mit dem Löffelmesser arbeitet Ute Ihlenfeldt die charakteristische Rundung des Löffels heraus. Foto: Daniela Krause

Vom Ast zum Löffel

Doch wie entsteht aus einem Stamm oder einem dicken Ast ein Löffel für den alltäglichen Gebrauch? Von der Holzgewinnung bis zum Einölen des fertigen Löffels vergehen je nach Beschaffenheit des Materials etwa drei bis vier Stunden. Mit dem Spalteisen teilt sie zunächst den Ast in vier Teile. „Dann sehe ich, wie die Holzfasern verlaufen, ob es ein kleiner oder großer Löffel werden kann. Denn der Löffel wird am Ende so, wie das Holz gewachsen ist: ein Löffel mit Charakter.“

Mit der Axt arbeitet sie die grobe Form des Bestecks aus einem Holzstück heraus. Dann geht es mit dem Schnitzmesser und dem Löffelmesser weiter. Die Arbeit ist körperlich sehr anstrengend und verlangt volle Konzentration. „Nicht selten bin ich hinterher schweißgebadet“, so Ute Ihlenfeldt. Das Holz wird durch das Schnitzen so angenehm glatt, dass Schleifen überflüssig ist. „Es würde das Holz auch zu sehr verletzen.“ Stattdessen reibt sie die fertigen Löffel mit Leinöl ein.

Eine starke innere Ruhe

Wie viele Löffel mit den Jahren von ihrem Schnitzpferd gesprungen sind, vermag Ute Ihlenfeldt nicht zu sagen. „Man hört irgendwann auf zu zählen.“ Gleichwohl ist jedes Stück ein Unikat, und die Herstellung für die 57-Jährige wie Meditation: „Das Löffelschnitzen gibt mir eine starke innere Ruhe. Ich denke dann nicht über Probleme nach, sondern bin ganz vertieft in das, was ich tue.“

Ginkgoholz würde sie gerne mal verarbeiten. Und auch sonst hat sie Pläne, die allerdings derzeit wegen Corona auf Eis liegen: „Ich wollte eigentlich nach England zu einem Shrink Pot-Workshop. Da werden aus Baustämmen Töpfe gebaut.“ Für sie würde sich das perfekt mit ihrem bisherigen Hobby ergänzen. Doch nun heißt es erstmal: Abwarten und Löffel schnitzen.